April 2, 2008
März 6, 2008
Fotobuch
Kurz nach Andreas’ Tod fotografierte ich in einem systematischen Rundgang durch seine Wohnung die Hinterlassenschaft. Ich glaube, in der Art, wie Andreas seine Habseligkeiten arrangierte, war er sehr präsent, und es war mir daran gelegen, eine Aufzeichnung davon herzustellen, bevor Nachlassverwalter und Entrümpler sich ans Werk machen. Eine Auswahl von Fotos ist seit einiger Zeit auf der Flickr-Seite zu sehen, eine größere Auswahl habe ich nun zu einem Buch zusammengestellt. Dank moderner Digitaldruck-Technik können Bücher heute in kleinsten Auflagen “on demand” hergestellt werden. Wer an einem Exemplar des Buches interessiert ist, kann es hier besichtigen und bei Bedarf bestellen.
Nachbemerkung: Den Reaktionen auf meine Ankündigung entnehme ich, daß das amerikanische Bestellwesen der Firma Blurb nicht ganz so übersichtlich zu sein scheint, wie die Kunden das gerne hätten. Deshalb hier ein paar Detail-Informationen:
Das Buch gibt’s wahlweise als Softcover- oder Hardcover-Ausgabe zum Preis von jeweils 28,19 $ beziehungsweise 38,19 $ pro Exemplar. Dazu kommen die Versandkosten, die sich je nach der von den Käufern gewählten Versandart auf mindestens 6,54 $ belaufen, bei schnellem und versichertem Versand aber deutlich teurer werden (ich habe mit der billigsten Variante gute Erfahrungen gemacht). Bezahlt wird in US$ per Kreditkarte, was für uns europäische Käufer im Moment sehr von Vorteil ist.
Trotzdem stimmt natürlich, daß das relativ viel Geld für ein bißchen Buch ist. Der Vorteil des “Book on demand” liegt ganz auf der Seite des Verlegers, der nicht riskieren muß, auf tausend gedruckten Exemplaren sitzen zu bleiben. Dafür erhöht sich leider der Preis des einzelnen Buchs. Andererseits gäbe es ohne diese Technik das Buch eben nicht…
Um die Sache zu vereinfachen und die Kosten etwas zu senken, habe ich mich bereiterklärt, eine Sammelbestellung aufzugeben. Wer ein Exemplar des Buchs haben möchte, möge es bitte bis spätestens Ende April bei mir bestellen. Mitte Mai sind die Bücher dann hier.
JS
Februar 20, 2008
Mit Paul im Museum
Wie wir der Berliner Zeitung vom vergangenen Montag entnehmen können, stellten die Besucherdienste der Staatlichen Museen zu Berlin vor kurzem mit Islam den ersten Band einer neuen Kinderbuchreihe vor, und die ist wiederum Teil der Bildungsinitiative “Abenteuer Kultur. Mit Paul im Museum”. Eine Website gehört selbstredend auch zur Bildungsinitiative.
Andreas war in den letzten Monaten vor seinem Tod als freier Mitarbeiter der Besucherdienste an diesem Projekt nicht ganz nebensächlich beteiligt. Nur scheinen die Verantwortlichen in den Museen irgendwie vergessen zu haben, das im Impressum zu erwähnen, zumindest im dem der Website. Als Autor oder Co-Autor nicht erwähnt zu werden, zog sich wie ein Leitmotiv durch Andreas’ Leben, und was ein ordentliches Leitmotiv ist, lässt einen auch postum nicht los.
Januar 11, 2008
Die Wohnung
Ich kannte Andreas lange. Aber was heißt das schon, einen Menschen kennen? Ich war häufig in seiner Wohnung. Wenn die Person nicht mehr da ist, betrachtet man die bekannte Wohnung anders. Die Dinge rücken ins Zentrum des Interesses. Die Abwesenheit der Person erlaubt, daß das erzählerische Potential der Dinge sich entfalten kann. Die Dinge erzählen Geschichten von einer Person, die man zu kennen glaubte, und man bekommt eine Ahnung davon, was es heißt zu glauben, man kenne eine Person.
Einige Fotos der Wohnung, wie wir sie nach dem Tod ihres Bewohners vorfanden, sind jetzt auf der Flickr-Seite.
J.S.
Januar 7, 2008
Es so genau nicht wissen zu wollen
Fragment eines Buch, in dem Andreas seine Begegnungen mit fünf alten Männern schildern wollte (um 2002):
0. Eine Vorgeschichte
Im Februar 1982 ging ich in meine Lieblingsbuchhandlung am Savignyplatz in Berlin. Ich fing einen Fetzen eines Telefongesprächs der Buchhändlerin mit ihrem Sohn auf: “Du kannst nicht den ganzen Tag nur fernsehen und wenn Deine Mutter von Dir will, dass Du Herrn Scholem den Füller bringst, dann tust Du das einfach.” Was der mütterliche Versuch der Rückeroberung erwachsener Autorität war, enthielt ein Satzfragment, das mich traf, als hätte mein Schicksal nur zu mir allein gesprochen. Ich fragte “Gershom Scholem?”, und bot mich freundlicherweise an, dem irreversiblen Generationenkonflikt ein Ende zu machen, indem ich anbot, mir die Adresse Herrn Scholems zu geben, um ihm den Füller zu übergeben, den Füller, mit dem er einige seiner Bücher geschrieben hatte.
Bei und zu Hause dominierten zwei zeitgenössische jüdische Philosophen die Gespräche meines Vaters. Das war Martin Buber, der die Kunst verstand, sich allen verständlich machen zu können, wie ein Lehrer und Gershom Scholem, den zu verstehen uns der Allmächtige mit einem gesegneten Verstand versehen haben sollte, denn Scholem war ein Gelehrter.
Als sich die Suite 212 im Kempinski öffnete, stand vor mir ein Männlein, das mich despektierlicherweise an E.T. erinnerte. Er hatte das Alter, in dem selbst die engeren Hemdkragen den Hals nicht mehr berühren und Ohren, Nase und Augen zusehend zu wachsen scheinen. Äußerst höflich fragte er, was er für mich tun könne, bevor ich mich als Leser offenbarte, der einen Vorwand gefunden hatte, seinen Autor zu treffen. Ein Gespräch über beider Lebensgeschichte entspann sich, (seine 92-jährige, meine 29-jährige) und das in seiner Schilderung des Grundes seines Deutschlandbesuchs endete. Er war in den 20er Jahren nach Palästina gegangen, als er so alt war wie ich damals und wollte, bevor er starb, noch einmal Berliner Luft geschnuppert haben. Da Scholem so etwas wie ein Gerechter für meinen Vater war, bat ich ihn, in solch einem Fall nicht unüblich, meinem Vater ein paar Zeilen mitzugeben, was er sofort ohne Umschweife tat. Dies ermutigte mich, der das Unpathetische in den Schilderungen dieses Ebenbildes jüdischen Gelehrtentums bewunderte, eine einfache Frage zu stellen: “Was, Herr Scholem, ist das größte Verbrechen unserer Zeit?” Des Zadicks Augen blitzten kurz auf, und er antwortete ohne eine Sekunde nachzudenken: “Es nicht so genau wissen zu wollen!”, und ergänzte erklärend: “Und keine Scham dabei zu finden, dies offen zuzugeben.” Dies ist nun 20 Jahre her und ich beginne langsam zu verstehen.
Zu Büchern von Navid Kermani
Zwei Rezensionen von Büchern von Navid Kermani:
Gott ist schön
Navid Kermani, “Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran”, C. H. Beck Verlag, München 2000
Es waren genau drei Dinge, die mich verwunderten, als ich von Kermanis Buch das erste mal hörte: der fast einfältig wirkende Titel, der sonst eher für Gesetzestexte bekannte Verlag und sein enormes Volumen von 546 Seiten.
Es braucht acht bis zwölf Seiten, bis einem in der Badewanne die Lesebrille so sehr beschlägt, dass ein Zeichen gesetzt wird, das Buch zur Seite zu legen und nun die verbleibenden Teile des Körpers einzutauchen. Ich habe cirka 78,6 dieser Bäder genommen, bis ich Kermanis hochprämierte Dissertation durchgelesen hatte. Da das Buch als Hygiene-Artikel meine Haut etwas auslaugte, wenn es auch meinen Geist nachhaltig parfümierte, kam nach der Lektüre erst einmal eine Ruhepause für die Haut, in der ich nur noch duschte. Doch kein mir bekanntes Buch des letzten Jahres war so hervorragend geeignet, ganz in den Lesefluss einzutauchen und dies mehrere Monate zu immer der gleichen Zeit.
Im fast artigen Stil demütiger Wissenschaftlichkeit berichtet Kermani in sechs Kapiteln über die Vielfalt von Reaktionen auf die Offenbarung des Koran bei seinen ersten Hörern.
Von bitterem Neid auf die poetische Ausdruckskraft auf Seiten meccanischer Dichter, bis hin zum Tod aus Freude über die sich selbst aussprechende Wahrheit auf Seiten verzweifelter Sinnsucher ist die Rede. Ich las ein Buch über das Bücher hören, denn wer damals las, las laut, nicht nur für die des Lesens Unkundigen, sondern auch weil sich die sprachliche Schönheit des Koran erst im vollendeten Umgang mit der eigenen Stimme offenbart.
Das Wissen darum mag in der islamischen Welt noch weitverbreitet sein, wenn auch nicht immer die damit verbundene Erkenntnis, dass es in erster Linie die Schönheit war, die die Herzen der Gläubigen für den Islam gewann.
Kermani beschreibt im ersten Kapitel “Die ersten Hörer” eine Zeit, zu der es in Mecca Mode war, die Verse der besten Dichter an der Kaaba aufzuhängen. Eines Tages wagten es die Freunde des Propheten, den Beginn der zweiten Sure auszustellen, als der Dichterfürst Lapid, der Liebling von Mecca, vorbeikam und über solche Art Unverfrorenheit spottete.
Man bat ihn, den Text laut zu lesen. Lapid musste die Lesung aufgrund tiefer Ergriffenheit unterbrechen, worauf er noch vor Ort das Glaubensbekenntnis ablegte. Was folgt, sind hundert Seiten Zeugnisse der sprachlichen Macht niedergeschriebener Verkündigung.
Im zweiten Kapitel widmet sich Kermani der Frage, ob man den Koran mit Recht ein poetisches Werk nennen darf, denn Poesie sei ja eine menschliche Schöpfung. Er zitiert Quabbani: “Als Gott zum Menschen sprechen wollte, wählte er die Poesie, die wohlklingende Weise, das schöne Wort, den anmutigen Vers. Es hätte in seiner göttlichen Macht gestanden, dem Menschen zu befehlen: Glaube an mich! und der Mensch hätte geglaubt. Aber er hat es nicht getan. Gott wählte den schöneren Weg, das edlere Mittel. Er wählte Poesie.”
Hier im sprach-analytischen Teil des Buches argumentiert Kermani für einen Muslim selbst sufischer Tradition etwas ungewöhnlich, streng in der Dialektik eines Walther Benjamin und Theodor W. Adorno. Die Verwendung des kritischen Diskurses zur Erleichterung des Verständnisses des Koran gelang meisterlich.
Sein drittes Kapitel, dem “Klang des Koran” gewidmet, beginnt der Gelehrte mit einem Rilke-Zitat: “Bestürze mich, Musik, mit rhythmischem Zürnen.”
Tajwid nennt sich eine islamische Wissenschaft, die sich ausschließlich dem “Klang der Offenbarung” widmet, “so wie er sich dem Propheten eröffnete”, der, der Überlieferung nach, stets vom Erzengel Gabriel in Stimmbildung und Intonation unterrichtet wurde.
Nach streng muslimischer Auffassung ermöglicht erst der richtige Klang das Eindringen in die wahre, die innere Bedeutung.
Im vierten Kapitel geht es um “das Wunder” des Zustandekommens des Koran. “Wohl eine Zauberkraft muss sein in dem, woran bezaubert eine Welt so hängt, wie am Koran.” heißt es bei Friedrich Rückert, und eine Hadith geht auf die Frage an den Propheten ein, worin die Insignien seiner prophetischen Macht bestünden. Der Prophet antwortete: “Was mir gegeben wurde, sind nichts als die Worte, die mir Gott offenbart hat, und ich hoffe, dass ich am Tag der Auferstehung größte Gefolgschaft haben werde.” Eine allein dem Wunder des Zustandekommens des Koran gewidmete Wissenschaft ist der Ighaz.
Kapitel fünf gilt dem “Propheten unter den Dichtern”, wobei es sich im Titel um die Umkehr eines Sakrilegs handelt, denn es gilt als verpönt, Mohammed den “Dichter unter den Propheten” zu nennen. Kermani argumentiert in abendländischer Tradition mit Kierkegard, dass die Rückstufung religiöser Texte auf ihren künstlerischen Reiz “… aus einem Apostel nicht weniger und mehr als ein Genie macht, doch dann: Christentum gute Nacht!”
Neben einer Einführung in die Sira, die Wissenschaft vom Prophetenweg, bringt Kermani Zitate deutscher Philosophen, wovon namentlich ein Zitat von Nietzsche einem das Staunen über so viel Verständnis für prophetische Offenbarung abringt.
Das sechste und wohl auch ergreifendste Kapitel schildert “das Hören der Sufis”, das er mit der Aussage des surrealistischen Philosophen André Breton, “die Schönheit wird wie ein Beben sein, oder sie wird nicht sein.” eröffnet, und sich im weitesten Teil des letzten Kapitels mit dem Werk Abu Ishak at Talabis, “Das Buch der vom erhabenen Koran getöteten” auseinandersetzt. Hier ist von der Sama, der Wissenschaft vom Hören des Koran die Rede und von der Furcht vor der Wahrhaftigkeit, die auch Mohammed durchlitten haben soll. Keiner, so heißt es, zu dem Gott gesprochen hat, kann ohne tiefe Furcht weiterleben, dass dieses wiedergeschehen könnte. Hier lesen wir neben einer Gesundheits-Warnung Ibn Arabis, den Koran “nicht ohne gefestigten Atem zu studieren” ein aufschlussreiches Resumé Suhrawardis aus dem zwölften Jahrhundert unserer Zeitrechnung: “Und man sagt, das Hören (sama) lässt hervortreten, was an Freude und Trauer, Furcht, Hoffnung und Sehnsucht im Herzen verborgen ist. Manchmal bringt es einen zum Weinen, und manchmal setzt es einen in Verzückung. Und man sagt, das Hören berührt im Menschen alle Elemente, so dass er manchmal weint und manchmal schreit, manchmal klatscht man in die Hände, manchmal tanzt man, und manchmal wird man bewusstlos.”
Andreas Wald, 2002
Das Buch der von Neil Young Getöteten
Navid Kermani, “Das Buch der von Neil Young Getöteten”, Ammann Verlag, Zürich 2002
Gerade, wenn einem das Buch eines bestimmten Autors die Augen, manchmal auch die Ohren geöffnet hat, wartet man gespannt auf die Ankündigung eines weiteren.
Ich hatte Navid Kermanis Meisterwerk “Gott ist schön” gelesen und brauchte Kermani-Nachschub.
Während eines seiner zahlreichen Vorträge, die er im Rahmen seiner Lehrtätigkeit am Wissenschaftskolleg in Berlin ableistet – es ging um das Selbstmordverbot im Islam – wurden endlich Titel und Erscheinungsdatum seines neuen Buches angekündigt: “Das Buch der von Neil Young Getöteten”, Zürich, September 2002.
Ich war seltsam befremdet, den Titel zu hören und verwundert, dass sonst niemand an diesem Titel etwas ungewöhnlich zu finden schien. Nun endlich ist das Buch da, ich habe es gelesen, und, obwohl ich genau begriff, worauf es Kermani ankam, hat mich dieses verwunderte Befremden noch immer nicht ganz verlassen.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Nur wenige Wochen nach ihrer Geburt wird Kermanis Tochter von schweren Bauchkrämpfen heimgesucht. Drei-Monats-Koliken ist der lapidare Fachbegriff für einen Dauerschreikrampf, der nur eines der vielen Dinge ist, die Eltern unvorbereitet treffen. Der junge Vater legt eine alte Platte von Neil Young auf, worauf das Kind sofort einschläft. Erstaunlicherweise geschieht dies ausschließlich bei der Musik Neil Youngs.
Im Pressetext beginnt hier für Kermani und sein Töchterchen eine Reise durch den Kosmos eines kanadischen Kultmusikers. Für den Kenner von Kermanis erstem Meisterwerk ist Neil Youngs Musik nur eine Allegorie für den hilfesuchenden Versuch des Menschen, sich mittels ekstatischer Wiederholungen dem schmerzhaften Zugriff des Lebens zu entziehen.
Doch warum ausgerechnet anhand der Musik von Neil Young?
Kermani: “… da er sich so restlos und auch besonders den Stimmungen hingibt, die von der Erhabenheit am entferntesten sind, der Schwäche, dem Neid, den Schuldkomplexen. Dass Neil Young sich mit der Melancholie nicht aufhält und sich gleich in die Verzweiflung und den quälenden Katzenjammer stürzt, das kenne ich in vergleichbarer Radikalität nur aus der frühislamischen Askese.” (Neil Young: “helpless; helpless, helpless, helpless!”)
Kermani beruft sich auf Hassan al Basri, den großen Sufi, demnach man die Welt in ihrer ganzen Boshaftigkeit empfinden muss, um sie zur Glückseligkeit transzendieren zu können, “… sowie erst das rückhaltlose Empfinden der göttlichen Ferne die momentane Vereinigung mit ihm zu
erlauben scheint.” – und zitiert dann Al Halladschs legendäres “Das Leiden ist er selbst!”
Wer Derwischzirkel in ihren orientalischen Heimatländern erlebt hat, wird sich über Kermanis Vergleich mit den verrückten Musikern um einen epileptischen Leadgitarristen nur wenig wundern.
Die Befremdung, die mich beim Lesen dieses Buches nicht losließ, war eher, dass er sich unter allen zeitgleich bekannt gewordenen Rockbarden ausgerechnet den ausgesucht hatte, dessen Mangel an eindeutiger Spiritualität nicht gerade dazu beitrug, Hoffnung zu säen.
Wer das fast siebenhundertseitige Werk Kermanis über die ästhetische Rezeption des Koran gelesen hat, wird im Autor zwar den aufregenden jungen Islamwissenschaftler entdeckt, nicht aber den Grad an Tiefe ausgelotet haben, dessen es bedarf, um mit der Ernsthaftigkeit des Gelehrten bis in die Geröllhalden bedrohter Rockparadiese dringen zu können.
Nicht nur manchem Leser drängt sich an dieser Stelle der Gedanke an die Malamatija, den “Weg des Tadeligen” auf. Kermani nimmt direkt Bezug darauf und geht dann unvermittelt auf den mystischen Tod ein, der uns erlaubt, bevor wir tatsächlich sterben, das Leben als Ganzes zu erfahren.
Die Musik Neil Youngs bietet allerdings noch eine weitere Metapher. Im Gegensatz zu den Botschaften, die uns von anderen Rockmusikern vermittelt werden, und sei es nur die Botschaft, es geschafft zu haben, sein Geld nicht am Fließband oder in klimatisierten Büros verdienen zu müssen, vermittelt Neil Young lediglich, dass er nichts anderes kann, ihm nichts anderes übrig bleibt, als mit quäkender Stimme: “helpless; helpless, helpless, helpless” zu singen.
Heißt es nicht im Nachmittagsgebet der Muslime: “Wahrlich, der Mensch ist verloren!”, um dann das tröstende “außer denen, die sich zusammenfinden in der Wahrheit, um Taten der Wahrhaftigkeit zu tun”, folgen zu lassen? Wahrhaftigkeit ist die wahre Botschaft, die sich durch diesen Prosaband eines kaum über Dreißigjährigen zieht. Mir hat das Buch geholfen, hinzuschauen, mit wie wenig Wahrhaftigkeit und Authentizität ich Dinge tue, an Übungen teilnehme, bete.
Man sieht sich als Neil Young, der als Epileptiker, aber auch ansonsten recht geprügelter Hund keine Chance hat, sie aber trotzdem nutzt, und sei es durch die Form, in der er diesen Umstand zum Ausdruck bringt, manchmal schreiend wie ein quäkendes Töchterchen, “helpless; helpless, helpless, helpless!” und noch im Atem, der ihn schreien lassen würde, die Hilfe erfährt, derer er über alles bedarf.
Freunde, sagt Kermani, habe er sich mit diesem ewigen Abdudeln plärrender Neil-Young-Lieder nicht gemacht, wohl aber ein Buch und sein Töchterchen zufrieden.
Resumé zu beiden Büchern
Kermani, erklärter Bayern-München-Fan, wird möglicherweise der erste hochrangige islamische Gelehrte sein, der uns die Choreografie zweier elfköpfiger Halqas um einen kulthaft aus Penta- und Hexagonen zusammengenähten Lederball erklären wird. Was mich zu einem Fan kanadischer Rockmusik machen könnte, habe ich begriffen. Dass es passieren kann, dass man in seiner Sucht nach Schönheit ausgerechnet auf die letzten Wahrheiten trifft, enthält bereits mehr, als ich mit meinem Verstand zu erfassen bereit bin. Vor allem aber lässt mich der Gedanke nicht mehr los, ob nicht die ganze Welt, einem Buche ähnlich, Gleichnisse bietet für eine große, aber begrenzte Anzahl von Lehrinhalten, die kennenzulernen wir angetreten sind.
Andreas Wald, 2003
Navid Kermani
Januar 5, 2008
Neue Fotos
Wie aus dem Nachlass ersichtlich wird, ließ sich Andreas – um es vorsichtig auszudrücken – häufig und gerne fotografieren. Das Sortieren und Beschriften von Fotos scheint hingegen nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört zu haben. Wir haben auf Endi Effendis Flickr-Seite eine Auswahl von Bildern eingestellt. Wer irgend etwas über eines dieser Fotos weiß (Wer hat es wann und wo gemacht? Wer ist außer dem Hauptdarsteller noch abgebildet? usw.), möge sein Wissen bitte mit den anderen teilen.
Januar 2, 2008
Wald im Netz
Links zu Seiten mit Texten und Bildern von, mit und über Andreas:
Flickr
http://www.flickr.com/photos/21983593@N05/
http://www.flickr.com/photos/14047317@N07/sets/72157603551212494/
http://www.flickr.com/photos/fsamuel/sets/72157603716912023/
The Word Company
http://www.thewordcompany.de/deutsch/texts/slogans.php
Die Liste wird laufend erweitert. Wir sind allen, die weitere Seiten kennen oder finden, für Hinweise dankbar.
Januar 1, 2008
Auch das geht vorüber
Während der Zeit, in der Andreas im Krankenhaus war, und auch danach haben mich viele Freunde angesprochen, weil sie mich so tapfer und stark empfanden.
Deshalb möchte ich hier erzählen, welcher Art meine Beziehung zu Andreas war.
Am Morgen unserer ersten Nacht in Spanien sah ich an seinen geröteten Ohrläppchen, dass er einen extrem hohen Blutdruck hatte. Mir war sofort klar, wie ungesund das war und dass die Möglichkeit bestand, dass er mir nicht lange erhalten bleiben würde.
Ich hatte eine unglückliche Ehe hinter mir, in der ich verzweifelt versucht hatte, mir meinen Mann so zurecht zu biegen, wie es für mein Leben angenehm gewesen wäre. Aus der Illusion, dass so etwas überhaupt möglich sei, war ich erwacht und hatte mir fest vorgenommen, den nächsten Mann so zu nehmen, wie er war und nicht ändern zu wollen.
Dieser gute Vorsatz erwies sich als sehr wertvoll, denn schon bald merkte ich, dass Andreas gerade im Bezug auf seine Gesundheit sehr eigensinnig war. Hätte ich versucht, ihn zu einem gesünderen Leben zu überreden, wäre unsere Beziehung schnell den Bach runter gegangen. Nur dadurch, dass ich ihm zeigen konnte, dass ich ihn genau so liebte wie er war, konnte er genug Vertrauen zu mir aufbauen, um dann doch den einen oder anderen (vorsichtig dosierten) Ratschlag von mir annehmen zu können.
Der erste Brief, den Andreas mir schrieb, erhielt als Titelseite eine Zeichnung, die Andreas einmal angefertigt hatte, mit dem Schriftzug “Inam migsare”, zu deutsch “auch das geht vorüber”, was sich auf eine Sufi-Geschichte bezieht.
Darin beauftragt ein König einen Goldschmied, ihm ein Objekt anzufertigen, dass ihn tröstet, wenn er traurig ist, beruhigt, wenn er zornig ist, und ihn wieder zurück in die Realität holt, wenn er zu sehr verzückt ist. Daraufhin fertigte der Goldschmied einen Ring mit der Inschrift “Auch das geht vorüber”. Ich nahm mir diesen Spruch zu Herzen und beschloss, jeden Tag mit Andreas zu genießen, als Geschenk zu betrachten, weil wir ja nicht in die Zukunft sehen können und nie wissen, wie lange unser Glück währt.
Erstaunlicherweise hatten wir beide keine Zeit der Verliebtheit, sondern empfanden von Anfang an eine ganz tiefe Liebe füreinander, wie sie nur in hundert Jahren wachsen kann.
Wenn wir zusammen waren, war das immer sehr intensiv. Doch die meiste Zeit waren wir halt viele hundert Kilometer getrennt. Anfangs schrieben wir uns wundervolle E-Mails. Andreas konnte verborgene Talente in mir erwecken. Mein aktiver Wortschatz vergrößerte sich immens und ich war überrascht, dass auch ich so tiefgreifende Texte zustande brachte. Leider schaffte ich mir nach einigen Monaten eine Telefonflatrate an, sodass unsere literaturverdächtigen E-Mails von stundenlangen Telefongesprächen abgelöst wurden.
So fand ich einen Weg, dass Andreas jeden Tag für mich ganz präsent war, obwohl so weit entfernt.
Er gab mir seine Übersetzungen von Rumi-Gedichten zu lesen, die dieser nach dem Tod seines Freundes Shams von Tabris geschrieben hatte. Das Thema Tod, das in diesen Gedichten sehr hoffnungsspendend beschrieben wird, war also schon ganz früh bei uns präsent. Wir waren uns auch darüber einig, dass der Tag unseres Todes schon längst feststeht und dass keine Macht der Welt ihn ändern kann.
Eine zeitlang tauschten wir uns über unsere Träume aus, die sich so ähnlich waren, dass wir nur darauf warteten, uns eines Nachts in einem gemeinsamen Traum zu begegnen.
Insgesamt hatte ich das Gefühl, in starkem Seelenkontakt mit ihm zu stehen.
Anfang November ging Andreas zum Arzt, um sich Massagen verschreiben zu lassen. Routinemäßig kontrollierte der Arzt seinen Blutdruck und erschrak sehr über den Messwert von 290/140 RR. Er wollte Andreas sofort ins Krankenhaus einweisen, doch dieser war ein gebranntes Kind durch übergriffige Erfahrungen aus seiner Kindheit, als er eine Gehirnentzündung nur knapp überlebte. Auf gar keinen Fall wollte er ins Krankenhaus. Auch blutdrucksenkende Pharmazeutika wollte er nicht nehmen, da er meinte beobachtet zu haben, dass alle seine Freunde, die solche Mittel nahmen (und er hatte nicht wenige), völlig brav und angepasst worden seien. Das erinnerte ihn an das Buch “Schöne neue Welt” und so wollte er nicht enden.
Etwa eine Woche später rief ich Andreas an und er sagte mir, er wolle jetzt nicht lange mit mir telefonieren, weil er in so einem ungewöhnlichen Bewusstseinszustand sei. Er habe auf dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause angefangen und halte immer noch an. Er nannte ihn Akasha-Zustand. Er könne alle seine Träume, die er je gehabt habe, plötzlich im Zusammenhang erkennen. Es sei ein wunderbares Gefühl. Staunend gratulierte ich ihm dazu und wir verabschiedeten uns, bis er nach einiger Zeit wieder anrief und mir verkündete, er habe diesen Zustand nun bewusst beendet, weil ihm klar geworden sei, dass unsere Aufgabe, in der Welt zu leben, auch umfasse, dass wir nicht in solchen außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen schwelgen sollen, sondern darüber hinaus gehen sollen. Wir einigten uns auch darauf, dass dieses Erlebnis ein Warnzeichen seines hohen Blutdrucks sein könne.
Als ich ihn am 15. November besuchte, war er Feuer und Flamme, seinen Blutdruck homöopathisch zu heilen. Er begann mit mir eine Trennkost-Diät und hatte sogar seinen Tabakkonsum halbiert. Leider betrieb er das aus meiner Sicht alles nicht konsequent genug. Doch ich sagte nichts, da ich mich darüber freute, dass er überhaupt begann, sein Leben zu verändern.
Am 23. November hatten wir vormittags miteinander telefoniert. Völlig anders als sonst brach Andreas dieses Gespräch sehr abrupt ab und verkündete mir, ihm würde jetzt kalt, er wolle in die Badewanne gehen.
Ich erwartete, dass er abends wieder anrufen würde. Das tat er aber nicht und beantwortete auch nicht meinen Spruch auf seinem Anrufbeantworter.
Als er am nächsten Morgen immer noch nicht angerufen hatte, fiel mir ein, dass er für dieses Wochenende zum Familienstellen eingeladen worden war. Wahrscheinlich war es am Abend sehr spät geworden und er musste Samstagmorgen wieder sehr früh raus. ich spürte in mich hinein, ob ich irgendwelche Hilferufe von ihm empfangen würde, aber es schien ihm gut zu gehen.
Als er dann am Abend wieder nicht anrief, schickte ich eine SMS an die Veranstalterin und fragte nach, ob er bei ihr sei. Sie antwortete erst am nächsten Morgen, dass er nicht dabei sei.
Da machte ich mir wirklich Sorgen und rief bei seinem Nachbarn an. Ich erklärte ihm die Situation und bat ihn, die Feuerwehr zu rufen, damit diese die Tür aufbreche.
Der Nachbar rief kurz darauf zurück und berichtete, man habe Andreas bewusstlos neben seinem Bett liegend gefunden, doch auf Schmerzreize reagiere er noch. Jetzt würde er ins Krankenhaus gebracht.
Immer war mir bewusst gewesen, dass so etwas eines Tages geschehen könne. Jetzt war es tatsächlich eingetreten. Ich packte meinen Koffer, drückte meinem Nachbarn den Briefkastenschlüssel in die Hand und ging zum Bahnhof, um nach Berlin zu fahren.
In Spandau wollte ich in eine Regionalbahn zum Zoologischen Garten umsteigen, doch ich erwischte einen Zug nach Wittenberge.
Dabei hatte ich es doch so eilig, zu Andreas zu kommen! Der Schaffner war gnädig mit mir und erließ mir die Schwarzfahrstrafe. Am nächsten Bahnhof stieg ich aus und versuchte, zurück nach Berlin zu kommen. Da es Sonntag war, fuhren nicht so viele Züge. Ich war sehr verzweifelt. Ich hätte am liebsten geweint, aber ich wusste, dass mir das auch nicht weiterhelfen würde.
Schließlich kam ein Zug, der mich wieder nach Spandau fuhr. Dort nahm ich diesmal vorsichtshalber die S-Bahn, weil sie besser ausgeschildert ist.
Endlich kam ich am Krankenhaus an und fragte mich zur Intensivstation der Neurochirurgie durch. Dort fand ich Andreas, fast nackt, an Schläuchen liegend und bewusstlos. Ich verbot mir, in Tränen auszubrechen, weil ich wusste, dass Komapatienten vieles wahrnehmen können und ich ihm auf jeden Fall ein Gefühl der Zuversicht vermitteln wollte.
Ich durfte in den folgenden Tagen immer nur drei Stunden täglich zu ihm. Aber mehr hätte ich wahrscheinlich auch nicht geschafft. Mir war es nämlich sehr wichtig, energievoll zu ihm zu kommen. Wenn ich mich hätte gehen lassen und beklagt hätte, dass er mich so schäbig alleine lässt, hätte es ihm ja Energie abgezogen und das, so wusste ich, konnte er in dieser Situation überhaupt nicht gebrauchen. Ich habe ihm die Geschichte von den vier Derwischen vorgelesen und einmal habe ich ihm auf der Ney (türkische Bambusflöte) vorgespielt, was mir aber im Nachhinein viel Ärger einbrachte. Trotzdem bin ich sicher, dass es gut war.
Die Tage gingen vorüber und die Betäubungsmittel wurden abgesetzt. Jetzt war es eigentlich an der Zeit, dass er wieder aufwachte. Erst danach hätte man sagen können, welche körperlichen Schäden durch den Schlaganfall bleiben würden. Da die Großhirnrinde, also der Ort der Intelligenz, zu keinem Zeitpunkt erhöhtem Druck ausgesetzt war und sich das Sprachzentrum auf der linken, unbeschädigten Seite befindet, war die Hoffnung groß, dass die Fähigkeiten, die Andreas am wichtigsten waren, unbehelligt wären.
Doch er wachte nicht auf. Allerdings hatte er auch sehr mit einer Entzündung im Körper zu kämpfen und seine Nieren funktionierten nicht richtig, weil sie an einen hohen Blutdruck gewöhnt waren und jener künstlich abgesenkt worden war, um den Hirndruck zu mindern.
So schlimm die Situation auch war, ich war für jeden Tag dankbar, den ich mit Andreas verbringen konnte. Für die schönen vergangenen Tage und auch für die schweren im Krankenhaus. Wäre er seinem Schlaganfall schon in der Wohnung erlegen, hätte ich keine Zeit gehabt mich zu verabschieden und es wäre sehr schlimm gewesen. So wusste ich, es kann so oder so ausgehen, aber ich genieße die Zeit, die ich mit ihm habe.
So langsam wurden die Blutwerte besser und am Montag, dem 10.12. brauchte auch keine Dialyse angestellt werden, sodass ich einen sehr entspannten Nachmittag mit Andreas verbringen konnte. Ich kam auf die Idee, ihn zu unterstützen einen niedrigen Hirndruck anzustreben, indem ich jedes Mal, wenn die Geräte einen Hirndruck unter 19 anzeigten, in den Arm nahm und mit ihm kuschelte und wenn der Hirndruck über 25 ging, entfernte ich mich und hielt nur noch meine Hand auf seinem Oberarm.
Mit der Zeit wurden tatsächlich die Phasen niedrigen Hirndrucks immer länger. Gleichzeitig entstand eine wunderbare Harmonie zwischen uns beiden. Ich war richtig beglückt, als ich das Krankenhaus verließ.
Am nächsten Tag war irgendetwas anders. Äußerlich erkennbar war es daran, dass Andreas leise schnarchte.
Kurz nachdem ich zu Besuch gekommen war, wurde die blaue Dialysemaschine wieder neben Andreas Bett geschoben und sein Hirndruck ging schlagartig 10 Punkte rauf. Ich merkte, dass er sich am liebsten mit Händen und Füßen gegen die Dialyse gewehrt hätte, aber er konnte sich nicht bewegen.
Dann kam der Arzt und bat mich zum Gespräch in einen kleinen Nebenraum. Er erklärte mir, dass am Morgen weitere Untersuchungen gemacht worden wären und dabei hätte man eine neue Blutung festgestellt. Die gesamte rechte Großhirnrinde würde nicht mehr durchblutet. Dann hätte man Nervenreizungen an den Armen durchgeführt und festgestellt, dass diese nicht mehr zum Gehirn geleitet würden, weder rechts noch links.
Sollte Andreas jemals wieder aufwachen, würde er sein Leben lang im Wachkoma bleiben. Der Arzt schlug vor, die “Therapie einzustellen und der Natur ihren Lauf zu überlassen”.
Da Andreas in seiner Patientenverfügung angegeben hatte, dass er nicht künstlich am Leben gehalten möchte, war es für mich leicht, dem zuzustimmen. Irgendwie wurde mir bewusst, dass die Harmonie, die ich am Vortag verspürt hatte, unser Abschied gewesen war und dass er danach die Kraft gefunden hatte, sich aus seiner ungewissen Situation zu lösen. Er hatte sich entschlossen zu gehen.
Der Arzt schlug vor, den Verwandten und Freunden die Möglichkeit zu geben sich zu verabschieden und am nächsten Tag am Mittag die Geräte abzuschalten. Er hatte nicht damit gerechnet, dass so viele Freunde kommen würden.
Wir feierten an Andreas Bett einen würdigen Abschied. Es gab frisch gebackene Plätzchen und wir bedauerten, dass keiner daran gedacht hatte, einen Rotwein mitzubringen. Da Andreas (nach dem zweiten Schlaganfall!) so stark auf die Präsenz der Dialysemaschine reagiert hatte, wusste ich, dass er alles mitbekommt. Ich war sehr gerührt, dass so viele kamen, weil er vor dem Anfall sich so enttäuscht geäußert hatte, dass er im Freundeskreis eher geduldet als geliebt wird. Jetzt konnte ihm jeder noch einmal zeigen, wie sehr er ihn schätzt.
Die letzten verließen um 1 Uhr nachts die Party. Ich hatte beschlossen, die Nacht an seiner Seite zu verbringen und mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er bald nicht mehr da sein würde. Ich wusste, ich muss die Zeit ganz bewusst durchleben, um sie emotional durchstehen zu können.
Viele schöne Ereignisse fielen mir ein, die wir miteinander erlebt hatten, und ich erzählte sie ihm alle.
Am nächsten Morgen kamen wieder Freunde und bis 12 Uhr hatten sich die versammelt, die ihm beim Abstellen der Geräte zur Seite stehen wollten. Da es sich um 20 Leute handelte, wurde uns der Aufenthaltsraum der Ärzte zur Verfügung gestellt. Nur jeweils fünf durften gleichzeitig am Bett stehen.
Als wir das Startzeichen gaben, wurden die letzten Medikamente abgesetzt, die bis dahin den Kreislauf hatten stabilisieren sollen, und die Beatmung auf normale Raumluft umgestellt. Allerdings wurde der Tubus für die Beatmungsmaschine im Hals gelassen. Die Hirndrainage war schon vorher entfernt worden.
Zunächst sackte der Kreislauf sehr ab. Später stabilisierte er sich wieder. Stunden vergingen. Nach und nach verließen die Freunde den Ort, bis wir nur noch zu dritt waren.
Am späten Nachmittag wurde Andreas langsam schwächer. Wir erlebten, dass sich seine Atemfrequenz sehr erhöhte, als habe er einen Kampf auszustehen. Dann wurde er wieder ruhiger, als habe er es geschafft.
Wir fragten den Arzt, ob es nicht einfacher für Andreas wäre, wenn das Atemgerät ganz entfernt würde. Nachdem die Besuchszeit vorüber war und keine anderen Besucher belästigt wurden, stimmte der Arzt zu. Wir mussten den Raum verlassen, während der Schlauch entfernt und Andreas auf die Seite gelagert wurde.
Als wir wieder rein durften, entschuldigte sich der Pfleger für das Röcheln, das nicht vermeidbar sei. Andreas hatte das erste Mal die Augen geöffnet. Aber es war ein stumpfer Blick, ohne jegliches Erkennen.
Das so genannte Röcheln war gar nicht schlimm, wie bei einer Bronchitis.
Der Raum war schön abgedunkelt und es war eine feierliche Stimmung. Wir sangen leise “Amazing Grace”, die ganze Zeit.
Erst war Andreas Atem beschleunigt, dann wurde er immer langsamer. Irgendwann öffnete sich sein Mund ganz entspannt. Ein letztes Luftholen und es war vorüber.
Früher habe ich immer Angst davor gehabt, dass jemand in meiner Anwesenheit sterben könnte. Das ging so weit, dass ich während der Studienzeit nachts aufwachte und darauf lauschte, ob mein damaliger Freund denn noch atmete. Erst, wenn ich mich davon überzeugt hatte, konnte ich wieder einschlafen.
Jetzt weiß ich, dass Sterben gar nicht so einfach ist. Und, dass es gar nicht so schlimm ist. Ich habe es als einen sehr feierlichen Augenblick erfahren. Das Erlebnis hat mir auch die Angst vor meinem eigenen Tod genommen.
Und ich habe mal wieder gelernt, wie wichtig es ist, jeden Tag zu genießen, der uns gegeben ist. Denn jeder Tag kann der letzte sein.
Gabriele Ermen, 31.12.2007
Dezember 31, 2007
Kühe, Kamele & Elefanten
Indien war Themenschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse
Als Gastgeber waren die deutschen Messeausrichter und mit ihnen die Medien natürlich darum bemüht, besonders die indischen Autoren zu Wort kommen zu lassen. Als Gäste einer internationalen Messe ruhten die indischen Autoren im Gegenzug nicht, ein Bild globaler Intellektueller zu hinterlassen, deren intelligente Analysen genauso auch in Seattle, Kapstadt, Stockholm oder Barcelona hätten geschrieben werden können.
Wer etwas über Indien erfahren wollte, vor allem aber über den großen Traum eines irdischen Paradieses, musste sich schon an deutsche Autoren halten. Das ist übrigens nicht neu. Manchmal scheint das “wahre” Indien eine deutsche Sehnsucht zu sein. Ein Herrmann Hesse schrieb so lange über das “wahre” Indien, bis er es besuchte. War die Wirklichkeit daran schuld, dass er danach keine Zeile mehr über Indien verlor?
Heutige deutsche Autoren schreiben über ein Land, das sie bereist haben, zumeist zum ersten Mal zwischen 17 und 22 Jahren alt, und dessen Faszination deutliche Spuren hinterließ. Gleich drei deutsche Autoren erkundeten ihren Traum, fernab der Silikon-Wirklichkeiten Bangalores und Bollywoods, ein weiteres Mal. Alle drei Autoren kennen sich, zum Teil sogar sehr gut, und der bemühte Schreiber dieser Zeilen ist mit allen dreien befreundet, mit einem noch seit damals, aus Indien.
Die Indienfahrer der 60er/70er waren häufig untereinander bekannt, oder fanden nach wenigen Minuten Gesprächs eine beträchtliche Anzahl gemeinsamer Bekannter. Sie lebten Hesses Geschichte von den Morgenlandfahrern, die sich als Teil einer großen Karawane sahen, getrieben von der Sehnsucht nach der Nahtstelle von Dichtung und Wahrheit. Timmerberg, einer der drei Autoren, dichtete 1971: “Wem immer es einmal gelang / dass er in Märchen die Wahrheit sah / dem wurde die Wahrheit märchenhaft / und die Märchen wurden wahr.”
Das zog sie, wie viele vor ihnen in der Vergangenheit vor ihnen, wenn auch nur im Geiste, auf die vom Himalaya herausgestreckte Landzunge zwischen dem Indischen Ozean und der Arabischen See: das Indien eines Schopenhauers, Hermann Hesses, Heinrich von Morungens und, nun ja, eines Heinrich Himmlers, eine Projektionsfläche seit Urzeiten tradierter Religionen und Traditionen, die sich auf gegenseitigen Respekt geeinigt hatten, und dies auf hohem Niveau.
Schopenhauer, stellvertretend für große Teile aufklärerischer Philosophie, faszinierten die vier Veden, die das Bodenständige mit einem ganzen Panoptikum an Göttlichem verquickten, Herrmann Hesse die vier Lügen, von denen sich Prinz Siddharta befreien musste, um Buddha zu werden. Morungen suchte nach dem Grab des heiligen Thomas, dem Autor des Liedes von der Perle (bei I. Shah “der Königssohn”), und Heinrich Himmler dort gar nach den Wurzeln des Deutschtums.
Schopenhauer bereiste es lesend, Hesse, wie gesagt, erst nachdem er für seine akribischen Schilderungen Indiens den Nobelpreis bekam, Morungen standesgemäß auf einem Drachen (wir zählen das 13. Jhdt.), und Himmler war irgendwie beruflich am Reisen gehindert. Die heutigen drei Autoren haben aus diesen Indien-Reisen einen Beruf gemacht: Peter Pannke ist u.a. Indologe, Ilija Trojanow Reiseschriftsteller und Helge Timmerberg, auf Grund der Intervention des elefantenköpfigen Gottes Ghanesha, Klatsch-Reporter.
Einer ist vom Fach,
ist, wie erwähnt, Indologe, spricht Urdu und Hindi, liest Sanskrit in Devanaggari, erforschte als Musikethnologe die Universen der indischen Ragas und hat seinen Traum von Indien in vollen Zügen erlebt. Wer ihn in Berlin nicht als Freund der Tradition kennt, ist vielleicht Hörer seiner legendären Weltmusik-Sendung. Hier geht es um Peter Pannke, den Autor von “Sänger müssen zweimal sterben – eine Reise ins unerhörte Indien”.
Peters Indien, und das bedeutet die unvergleichliche Stärke seines Buches, verbindet den Jugendtraum von der Sitar-durchklungenen, Gopi-durchtanzten, Ganges-erbadenden, vielarmigen Mutter Indien mit der tatsächlichen heutigen Realität, in der es das ja alles immer noch wirklich gibt, wenn auch ein wenig jenseits der Frühbucher-Schnäppchenreise-Welt. Peter wohnt da bei “seinen Leuten”. Sein unerhörter Vorteil, so tief in die Seele Indiens eindringen zu können, an dem er den Leser freigebig teilhaben lässt, entstand nicht zuletzt durch die Adoption in eine alte brahmanische Musikerfamilie, die noch dazu die Essenz der klassischen Drupad-Musik verkörpert. Wer um die Stellung des Drupads, einer dem Quawali der Sufis des Industals verwandten Sangeskunst in der Tradierung indischen Urwissens weiß, mag sich ein Bild davon machen, was dies für einen Musikethnologen, der selbst ein Musiker ist, bedeutet.
Manchmal muss ein Gleichnis her, und das darf auch schon mal ein wenig hinken. Stellen wir uns eine jungen, afrikanischen Bantu vor, der in einer Missionsschule auf einer Schallplatte eine Geige gehört hat, sich trotz kaum zu überwindender kultureller Schranken nach Europa durchkämpft, um dort von Jehudi Menuhins Familie adoptiert zu werden, dieses zu einer Zeit, in der die Violin-Musik längst nicht mehr die erste Geige spielt und langsam in Vergessenheit zu geraten beginnt.
Peter Pannkes Buch, das den Text bietet, von dem die meisten Indienreisenden seiner Generation allenfalls die Überschriften herbeten konnten, ist so etwas wie die Schilderung dieses Bantus an seinen Stamm. Es bleibt zu hoffen, dass ihm die Bantus, wenn schon keinen Glauben, so doch ein waches Gehör für das Unerhörte schenken. Während ich dies schreibe, bangen wir um den Erhalt von Peters Sprachzentrum (siehe Artikel “geDANKEn”). Ich vertraue weiter auf den Titel des Buches: “Sänger müssen zweimal sterben”.
…einer bekommt die Preise…
Der zweite wichtige Beitrag stammt aus der Feder eines waschechten Literaten. Die Liste von Ilija Trojanows Preisen liest sich wie der Katalog deutscher Literatur-Ehrungen. Kein Wunder, dass sein Indienbeitrag “Der Weltensammler” bereits vor der Frankfurter Buch-Messe den Preis der Leipziger Buchmesse abräumte und ihm das Wohnrecht in der ehemaligen Feuchtwanger-Villa an den Pacific Pallisades in L.A. einbrachte.
Sieht man Ilija nicht bei Peter Pannke, in dem er so etwas wie einen Meister gefunden hat, so sind es die üblichen Literatursendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Neulich, in einer über die Möglichkeiten des deutschen Sprachgefühls, kam die Rede darauf, welche Wunder uns das Geschenk der Muttersprache beschert, und Jutta Limbach, die Bundesgerichts-Präsidentin, schwärmte von Ilijas Finessen, als dieser, etwas verschämt lächelnd, zu bedenken gab, dass er Bulgare sei und deutsch in der Schule gelernt habe. Schweigen.
Auch Ilija hat seinen Traum wahr gemacht und ein Buch geschrieben, für das er sechzehn Jahre recherchiert hatte. Er war, mit der richtigen Adressenliste, nach Indien gereist und hatte daraus im Vorfeld gleich mehrere lesenswerte Indienbücher gemacht, jedes mit einigen Jahren Abstand geschrieben. Dann trat er zum Islam über, was für Bulgaren weit ungewöhnlicher ist als für Deutsche und schrieb auch darüber ein Buch. Ein weiteres, gepriesenes über die Pilgerfahrt nach Mekka sollte folgen und nun sein literarischer Langzeittraum:
“Der Weltensammler”, ein Roman, inspiriert durch die Biographie von Sir Richard Francis Burton, der, statt als britischer Kolonial-Offizier den herablassenden, rassistischen Gepflogenheiten der Ostindien-Kompanie zu frönen, zuerst Hindu, dann Moslem und schließlich Sufi geworden war. Burtons Qasiden lesen sich, als wären sie aus einer ausdrucksstärkeren Sprache ins Englische übersetzt, obwohl sie niemals anders als englisch gedichtet worden waren. Burton sammelte eben nicht Reiseziele, Sprach- und Kultur-Kenntnisse, sondern gleich die Lebenswelten, die sich mit den verschiedenen Zivilisationen verbinden.
Kein Wunder also, dass der Bulgare, der als ein deutscher Sprachheroe gilt, an Burton einen Narren gefressen hatte. Leider kam der sufische Anteil am reichen Leben seines großen Vorbilds zu kurz, hatte er doch über dieses Thema noch keine Recherche-Bücher geschrieben. Doch keine Sorge, Burton war älter als Trojanow, als er die Qirka der Chishties bekam, und mancher der Leser mag sich erinnern, dass es eine Weile brauchte, zu bemerken, dass es sich bei Derwischen nicht allein um pittoreske, tanzende Silhouetten vor orientalischen Skylines handelt.
Gerade hat der Wind die für den Begriff “Dank” aufgeschlagene Seite meines ältesten etymologischen Wörterbuchs verblättert, und mein Blick fiel zufälligerweise auf den Begriff “Dolmetscher”. Er wird dem Bulgarisch der türkischen Bulgaren zugeordnet und hieß ursprünglich Tilmezi. Bei den osmanischen Sultanen galt das Sprachgenie ihrer bulgarischen Glaubensgenossen als sprichwörtlich. Na dann.
…und einer verkauft sich gut.
Mit dem dritten deutschen Indienträumer hält neben dem wandelbaren Zeitgeist auch ein gewisses Gefühl von Peinlichkeit Einzug in unser Dreigestirn. Nichts gegen Helge Timmerberg. Er gilt als die deutsche Variante des amerikanischen “Gonzo-Journalisten” Hunter S. Tompson und, in seinem subjektiven Schreibstil, als Vorbild einer strebsamen Generation junger Journalismus-Schulen-Abgänger.
Das Peinliche, das mit seinem Bestseller “Shiva Moon” einhergeht, erklärt sich wohl eher daraus, dass ich ihn mit 18, auf meiner Indien-Erstbereisung, in einem Ashram am Fuße des Himalayas getroffen hatte, und wir seitdem befreundet sind und vor allem befreundet blieben, obwohl unsere Biographien gar nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Dabei hatten wir vor über 30 Jahren den gleichen Traum, waren, ähnlich Peter Pannke, Flüchtlinge aus einer Umgebung, die neben der Entscheidung zwischen Drogen und Weltrevolution wenig nennenswerte Alternativen aufzuweisen schien.
Wir landeten, unabhängig von einander, auf dem Grundstück eines damals erst 13-jährigen indischen Wunderkinds, das von Hardwar/Rishikesh aus die Welt mit Licht zu überschütten versprach und es heute, dank seiner Liebe für Supersonic Jets, zumindest bis ins Guiness-Buch der Rekorde geschafft hat: mit 28 Umrundungen des Erdballs im selbstgesteuerten Privatjet. Aber auch das ist nicht das wirklich Peinliche, denn der Guru kommt in dem Buch nicht einmal vor.
Auch nicht, dass – wie könnte es anders sein – einige gemeinsame Erlebnisse in meiner Erinnerung sich stark von seiner Schilderung unterscheiden. Es ist sogar eher belustigend, als peinlich, wenn er meine eigenen Textzeilen von “innerer Stimme verkündet” gehört haben will – ist ja fast ein Kompliment. Eher schon staunte ich nicht schlecht, zu erfahren, dass mittels Leserforschung von ihm herausgefunden wurde, dass seine Zielgruppen an indischer, sowie überhaupt orientalischer Spiritualität uninteressiert sind und dass er in vorauseilendem Gehorsam diesen essenziellen Ausgangspunkt seiner Reise deshalb gleich ganz unter den Teppich fallen ließ.
Ich muss gestehen, dass ich das Buch trotzdem verschlungen habe, zeitweise allerdings in der naturgegebenen Bereitschaft, sich auch mal unter seinem Niveau zu amüsieren. Es geht neben der floskelhaften Andeutung einer Reise von der Gangesquelle zur Mündung des Stroms im Indischen Ozean, hauptsächlich um Zahnschmerzen.
Es war schön, Passagen über den lange Jahre von mir auch aufgesuchten gleichen Zahnarzt in Hamburg zu lesen, ein bemerkenswertes Exemplar seiner Art, und die Erklärung der Karma- Inkarnationslehre am Beispiel des Playboychefs Hugh Hefner hat durchaus “Grölfaktor”, aber ich frage mich, ob sich der Autor an den Traum, auf dessen Spuren er zu wandeln vorgibt, noch wirklich erinnert.
Zwar hat der Mann gelernt, die Lacher auf seine Seite zu bringen, und den Leser darin zu bestätigen, dass die Inder in ihrer Jenseitsbezogenheit schon ein furchtbar ulkiges Völkchen seien und zu beschreiben, wie sie ticken – wären nur die Zahnschmerzen nicht gewesen – schon eine urkomische Sache wäre, aber wo bleibt sein Traum? Helge ließ das Klischee des Indienreisenden, nicht aber seinen eigenen Traum genüsslich gegen eine vorgegebene Wand knallen, wie in einem Auto-Crashtest in Zeitlupe.
Und seine eigene Sehnsucht, die ihn bis heute mit Indien verbindet? Ach ja, Leserumfragen hatten ja ergeben, dass diese wie Blei in den Buchhändlerregalen liegen bleibt. Helges Buch aber wurde über 15 000 mal verkauft, und das allein in der Woche seines Erscheinens. Glückwunsch!
Andreas Wald, 29. Oktober 2006
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