Endi Effendi

Dezember 31, 2007

Kühe, Kamele & Elefanten

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Indien war Themenschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse

Als Gastgeber waren die deutschen Messeausrichter und mit ihnen die Medien natürlich darum bemüht, besonders die indischen Autoren zu Wort kommen zu lassen. Als Gäste einer internationalen Messe ruhten die indischen Autoren im Gegenzug nicht, ein Bild globaler Intellektueller zu hinterlassen, deren intelligente Analysen genauso auch in Seattle, Kapstadt, Stockholm oder Barcelona hätten geschrieben werden können.

Wer etwas über Indien erfahren wollte, vor allem aber über den großen Traum eines irdischen Paradieses, musste sich schon an deutsche Autoren halten. Das ist übrigens nicht neu. Manchmal scheint das „wahre“ Indien eine deutsche Sehnsucht zu sein. Ein Herrmann Hesse schrieb so lange über das „wahre“ Indien, bis er es besuchte. War die Wirklichkeit daran schuld, dass er danach keine Zeile mehr über Indien verlor?

Heutige deutsche Autoren schreiben über ein Land, das sie bereist haben, zumeist zum ersten Mal zwischen 17 und 22 Jahren alt, und dessen Faszination deutliche Spuren hinterließ. Gleich drei deutsche Autoren erkundeten ihren Traum, fernab der Silikon-Wirklichkeiten Bangalores und Bollywoods, ein weiteres Mal. Alle drei Autoren kennen sich, zum Teil sogar sehr gut, und der bemühte Schreiber dieser Zeilen ist mit allen dreien befreundet, mit einem noch seit damals, aus Indien.

Die Indienfahrer der 60er/70er waren häufig untereinander bekannt, oder fanden nach wenigen Minuten Gesprächs eine beträchtliche Anzahl gemeinsamer Bekannter. Sie lebten Hesses Geschichte von den Morgenlandfahrern, die sich als Teil einer großen Karawane sahen, getrieben von der Sehnsucht nach der Nahtstelle von Dichtung und Wahrheit. Timmerberg, einer der drei Autoren, dichtete 1971: „Wem immer es einmal gelang / dass er in Märchen die Wahrheit sah / dem wurde die Wahrheit märchenhaft / und die Märchen wurden wahr.“

Das zog sie, wie viele vor ihnen in der Vergangenheit vor ihnen, wenn auch nur im Geiste, auf die vom Himalaya herausgestreckte Landzunge zwischen dem Indischen Ozean und der Arabischen See: das Indien eines Schopenhauers, Hermann Hesses, Heinrich von Morungens und, nun ja, eines Heinrich Himmlers, eine Projektionsfläche seit Urzeiten tradierter Religionen und Traditionen, die sich auf gegenseitigen Respekt geeinigt hatten, und dies auf hohem Niveau.

Schopenhauer, stellvertretend für große Teile aufklärerischer Philosophie, faszinierten die vier Veden, die das Bodenständige mit einem ganzen Panoptikum an Göttlichem verquickten, Herrmann Hesse die vier Lügen, von denen sich Prinz Siddharta befreien musste, um Buddha zu werden. Morungen suchte nach dem Grab des heiligen Thomas, dem Autor des Liedes von der Perle (bei I. Shah „der Königssohn“), und Heinrich Himmler dort gar nach den Wurzeln des Deutschtums.

Schopenhauer bereiste es lesend, Hesse, wie gesagt, erst nachdem er für seine akribischen Schilderungen Indiens den Nobelpreis bekam, Morungen standesgemäß auf einem Drachen (wir zählen das 13. Jhdt.), und Himmler war irgendwie beruflich am Reisen gehindert. Die heutigen drei Autoren haben aus diesen Indien-Reisen einen Beruf gemacht: Peter Pannke ist u.a. Indologe, Ilija Trojanow Reiseschriftsteller und Helge Timmerberg, auf Grund der Intervention des elefantenköpfigen Gottes Ghanesha, Klatsch-Reporter.

Einer ist vom Fach,

ist, wie erwähnt, Indologe, spricht Urdu und Hindi, liest Sanskrit in Devanaggari, erforschte als Musikethnologe die Universen der indischen Ragas und hat seinen Traum von Indien in vollen Zügen erlebt. Wer ihn in Berlin nicht als Freund der Tradition kennt, ist vielleicht Hörer seiner legendären Weltmusik-Sendung. Hier geht es um Peter Pannke, den Autor von „Sänger müssen zweimal sterben – eine Reise ins unerhörte Indien“.

Peters Indien, und das bedeutet die unvergleichliche Stärke seines Buches, verbindet den Jugendtraum von der Sitar-durchklungenen, Gopi-durchtanzten, Ganges-erbadenden, vielarmigen Mutter Indien mit der tatsächlichen heutigen Realität, in der es das ja alles immer noch wirklich gibt, wenn auch ein wenig jenseits der Frühbucher-Schnäppchenreise-Welt. Peter wohnt da bei „seinen Leuten“. Sein unerhörter Vorteil, so tief in die Seele Indiens eindringen zu können, an dem er den Leser freigebig teilhaben lässt, entstand nicht zuletzt durch die Adoption in eine alte brahmanische Musikerfamilie, die noch dazu die Essenz der klassischen Drupad-Musik verkörpert. Wer um die Stellung des Drupads, einer dem Quawali der Sufis des Industals verwandten Sangeskunst in der Tradierung indischen Urwissens weiß, mag sich ein Bild davon machen, was dies für einen Musikethnologen, der selbst ein Musiker ist, bedeutet.

Manchmal muss ein Gleichnis her, und das darf auch schon mal ein wenig hinken. Stellen wir uns eine jungen, afrikanischen Bantu vor, der in einer Missionsschule auf einer Schallplatte eine Geige gehört hat, sich trotz kaum zu überwindender kultureller Schranken nach Europa durchkämpft, um dort von Jehudi Menuhins Familie adoptiert zu werden, dieses zu einer Zeit, in der die Violin-Musik längst nicht mehr die erste Geige spielt und langsam in Vergessenheit zu geraten beginnt.

Peter Pannkes Buch, das den Text bietet, von dem die meisten Indienreisenden seiner Generation allenfalls die Überschriften herbeten konnten, ist so etwas wie die Schilderung dieses Bantus an seinen Stamm. Es bleibt zu hoffen, dass ihm die Bantus, wenn schon keinen Glauben, so doch ein waches Gehör für das Unerhörte schenken. Während ich dies schreibe, bangen wir um den Erhalt von Peters Sprachzentrum (siehe Artikel „geDANKEn“). Ich vertraue weiter auf den Titel des Buches: „Sänger müssen zweimal sterben“.

…einer bekommt die Preise…

Der zweite wichtige Beitrag stammt aus der Feder eines waschechten Literaten. Die Liste von Ilija Trojanows Preisen liest sich wie der Katalog deutscher Literatur-Ehrungen. Kein Wunder, dass sein Indienbeitrag „Der Weltensammler“ bereits vor der Frankfurter Buch-Messe den Preis der Leipziger Buchmesse abräumte und ihm das Wohnrecht in der ehemaligen Feuchtwanger-Villa an den Pacific Pallisades in L.A. einbrachte.

Sieht man Ilija nicht bei Peter Pannke, in dem er so etwas wie einen Meister gefunden hat, so sind es die üblichen Literatursendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Neulich, in einer über die Möglichkeiten des deutschen Sprachgefühls, kam die Rede darauf, welche Wunder uns das Geschenk der Muttersprache beschert, und Jutta Limbach, die Bundesgerichts-Präsidentin, schwärmte von Ilijas Finessen, als dieser, etwas verschämt lächelnd, zu bedenken gab, dass er Bulgare sei und deutsch in der Schule gelernt habe. Schweigen.

Auch Ilija hat seinen Traum wahr gemacht und ein Buch geschrieben, für das er sechzehn Jahre recherchiert hatte. Er war, mit der richtigen Adressenliste, nach Indien gereist und hatte daraus im Vorfeld gleich mehrere lesenswerte Indienbücher gemacht, jedes mit einigen Jahren Abstand geschrieben. Dann trat er zum Islam über, was für Bulgaren weit ungewöhnlicher ist als für Deutsche und schrieb auch darüber ein Buch. Ein weiteres, gepriesenes über die Pilgerfahrt nach Mekka sollte folgen und nun sein literarischer Langzeittraum:

„Der Weltensammler“, ein Roman, inspiriert durch die Biographie von Sir Richard Francis Burton, der, statt als britischer Kolonial-Offizier den herablassenden, rassistischen Gepflogenheiten der Ostindien-Kompanie zu frönen, zuerst Hindu, dann Moslem und schließlich Sufi geworden war. Burtons Qasiden lesen sich, als wären sie aus einer ausdrucksstärkeren Sprache ins Englische übersetzt, obwohl sie niemals anders als englisch gedichtet worden waren. Burton sammelte eben nicht Reiseziele, Sprach- und Kultur-Kenntnisse, sondern gleich die Lebenswelten, die sich mit den verschiedenen Zivilisationen verbinden.

Kein Wunder also, dass der Bulgare, der als ein deutscher Sprachheroe gilt, an Burton einen Narren gefressen hatte. Leider kam der sufische Anteil am reichen Leben seines großen Vorbilds zu kurz, hatte er doch über dieses Thema noch keine Recherche-Bücher geschrieben. Doch keine Sorge, Burton war älter als Trojanow, als er die Qirka der Chishties bekam, und mancher der Leser mag sich erinnern, dass es eine Weile brauchte, zu bemerken, dass es sich bei Derwischen nicht allein um pittoreske, tanzende Silhouetten vor orientalischen Skylines handelt.

Gerade hat der Wind die für den Begriff „Dank“ aufgeschlagene Seite meines ältesten etymologischen Wörterbuchs verblättert, und mein Blick fiel zufälligerweise auf den Begriff „Dolmetscher“. Er wird dem Bulgarisch der türkischen Bulgaren zugeordnet und hieß ursprünglich Tilmezi. Bei den osmanischen Sultanen galt das Sprachgenie ihrer bulgarischen Glaubensgenossen als sprichwörtlich. Na dann.

…und einer verkauft sich gut.

Mit dem dritten deutschen Indienträumer hält neben dem wandelbaren Zeitgeist auch ein gewisses Gefühl von Peinlichkeit Einzug in unser Dreigestirn. Nichts gegen Helge Timmerberg. Er gilt als die deutsche Variante des amerikanischen „Gonzo-Journalisten“ Hunter S. Tompson und, in seinem subjektiven Schreibstil, als Vorbild einer strebsamen Generation junger Journalismus-Schulen-Abgänger.

Das Peinliche, das mit seinem Bestseller „Shiva Moon“ einhergeht, erklärt sich wohl eher daraus, dass ich ihn mit 18, auf meiner Indien-Erstbereisung, in einem Ashram am Fuße des Himalayas getroffen hatte, und wir seitdem befreundet sind und vor allem befreundet blieben, obwohl unsere Biographien gar nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Dabei hatten wir vor über 30 Jahren den gleichen Traum, waren, ähnlich Peter Pannke, Flüchtlinge aus einer Umgebung, die neben der Entscheidung zwischen Drogen und Weltrevolution wenig nennenswerte Alternativen aufzuweisen schien.

Wir landeten, unabhängig von einander, auf dem Grundstück eines damals erst 13-jährigen indischen Wunderkinds, das von Hardwar/Rishikesh aus die Welt mit Licht zu überschütten versprach und es heute, dank seiner Liebe für Supersonic Jets, zumindest bis ins Guiness-Buch der Rekorde geschafft hat: mit 28 Umrundungen des Erdballs im selbstgesteuerten Privatjet. Aber auch das ist nicht das wirklich Peinliche, denn der Guru kommt in dem Buch nicht einmal vor.

Auch nicht, dass – wie könnte es anders sein – einige gemeinsame Erlebnisse in meiner Erinnerung sich stark von seiner Schilderung unterscheiden. Es ist sogar eher belustigend, als peinlich, wenn er meine eigenen Textzeilen von „innerer Stimme verkündet“ gehört haben will – ist ja fast ein Kompliment. Eher schon staunte ich nicht schlecht, zu erfahren, dass mittels Leserforschung von ihm herausgefunden wurde, dass seine Zielgruppen an indischer, sowie überhaupt orientalischer Spiritualität uninteressiert sind und dass er in vorauseilendem Gehorsam diesen essenziellen Ausgangspunkt seiner Reise deshalb gleich ganz unter den Teppich fallen ließ.

Ich muss gestehen, dass ich das Buch trotzdem verschlungen habe, zeitweise allerdings in der naturgegebenen Bereitschaft, sich auch mal unter seinem Niveau zu amüsieren. Es geht neben der floskelhaften Andeutung einer Reise von der Gangesquelle zur Mündung des Stroms im Indischen Ozean, hauptsächlich um Zahnschmerzen.

Es war schön, Passagen über den lange Jahre von mir auch aufgesuchten gleichen Zahnarzt in Hamburg zu lesen, ein bemerkenswertes Exemplar seiner Art, und die Erklärung der Karma- Inkarnationslehre am Beispiel des Playboychefs Hugh Hefner hat durchaus „Grölfaktor“, aber ich frage mich, ob sich der Autor an den Traum, auf dessen Spuren er zu wandeln vorgibt, noch wirklich erinnert.

Zwar hat der Mann gelernt, die Lacher auf seine Seite zu bringen, und den Leser darin zu bestätigen, dass die Inder in ihrer Jenseitsbezogenheit schon ein furchtbar ulkiges Völkchen seien und zu beschreiben, wie sie ticken – wären nur die Zahnschmerzen nicht gewesen – schon eine urkomische Sache wäre, aber wo bleibt sein Traum? Helge ließ das Klischee des Indienreisenden, nicht aber seinen eigenen Traum genüsslich gegen eine vorgegebene Wand knallen, wie in einem Auto-Crashtest in Zeitlupe.

Und seine eigene Sehnsucht, die ihn bis heute mit Indien verbindet? Ach ja, Leserumfragen hatten ja ergeben, dass diese wie Blei in den Buchhändlerregalen liegen bleibt. Helges Buch aber wurde über 15 000 mal verkauft, und das allein in der Woche seines Erscheinens. Glückwunsch!

Andreas Wald, 29. Oktober 2006

(Zwei weitere Buchbesprechungen von Andreas finden sich bei Amazon.)

Dezember 28, 2007

Geriatricon 1

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Ode in silber/grau
Für eine Freundin zum 60sten

Ich möchte erst einmal mit einem uralten Vorurteil aufräumen, dem Vorurteil nämlich, dass man alt werden könne. Aus lebenslanger Erfahrung wissen wir doch ganz genau, dass alt nur Menschen sein können, die 15 Jahre älter sind als wir selbst. Da es die immer geben wird, können wir zwar theoretisch altern, nicht aber in der praktischen Wirklichkeit.

Selbst die rein rechnerisch bestechende Formel, nach der das Alter dann einsetzt, wenn die Anzahl seiner Nachkommen auf einmal größer wird, als die Anzahl seiner Freunde und Bekannten, lässt sich ja heutzutage kaum noch nachvollziehen, …und selbst die Berechnung einsetzenden Alters nach dem Zeitpunkt, an dem die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen mehr kosten, als der Kuchen darunter, geht von der irrigen Annahme aus, dass dem Preis für Geburtstagskuchen Grenzen gesetzt seien.

Da man aber ohnehin nur so alt ist, wie man sich fühlt, sollte man sich früh genug darum kümmern, seine Gefühle auf harte Arbeit hin zu trainieren. Schon, damit es einem nicht wie Bob Hope ergeht, der zu seinem 80sten Geburtstag lauthals verkündete, dass er sich keineswegs wie 80 fühle und damit fortfuhr, dass er im übrigen bis Mittags gar nichts fühle, aber dann auch schon die Zeit fürs Mittagsschläfchen gekommen sei.

Einerseits Gefühl, andererseits Einstellung: Während Simone de Beauvoir ihren 70sten Geburtstag mit dem Satz beging: „Ab nun wird Leben zu seiner eigenen Parodie“, meinte Phyllis Mc Kinley, Witwe des 25. amerikanischen Präsidenten, nach dem auch ein Berg in Alaska benannt wurde, etwas pragmatischer: „70 klingt wie Wurmstich unter staubigen Spinnweben, es klingt aber besser, als überhaupt nicht zu leben!“

Dennoch hat es 10 weitere Jahre gedauert, bis sie mit 80 zu der Wahrheit kam, „…dass ein alterndes Mädchen eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Ertrinken hat, von dem es ja auch heißt, dass es ziemlich angenehm sei, wenn man endlich aufgegeben hat, sich dagegen zu wehren.“ Ein anwesender Arzt meinte, wohl zum Trost, dass sie mit Sicherheit 80 werden könne, worauf hin man ihm zuraunte, dass er sich gerade auf ihrem 80sten Geburtstag befände. Das lakonische „Sehen Sie?“ half dem Heilkundigen nicht erschöpfend aus dem Fettnäpfchen.

In der Tat kann eigentlich jeder alt werden. Alles, was es dazu braucht, ist lange genug zu leben!

Und hat man erst Vergnügen daran gefunden, so allerhand aufzugeben, verliert das Altern etwas von der sich ständig verschärfenden Strafe für ein Verbrechen, das man sich nicht mehr erinnert, begangen zu haben … und wenn man dann erst mal begriffen hat, dass der Groll, den man gegen jüngere Menschen pflegt, kein Zeichen von Missgunst ist, sondern den Kreislauf aufrecht erhält und darin bereits ein wertvoller Bestandteil der Altershygiene ist, kann auch dem größten Problem des Alterns begegnet werden, nämlich der Furcht, dass es zu lange dauern könne.

Aber ohnehin gibt das Alter längst nicht so viel Lächerliches her, wie es den Menschen mittleren Alters erscheinen mag. Oscar Wilde definierte die Altersgruppen so: „Die Alten glauben alles, die mittleren Alters misstrauen allem, die Jungen wissen alles.“

Nancy Astor, die Erbin der Waldorf-Astoria-Hotels, so etwas wie die Paris Hilton ihrer Zeit, gab zu ihrem 70sten Geburtstag endlich zu, über 52 zu sein, etwas, das sie versprochen hatte, selbst dann nicht zu tun, wenn das Alter ihrer Söhne sie, für herzlos kalte Rechner, zum Opfer von Kindersex zu machen droht.

Sehr viel höher scheint jedoch die Barriere zu sein, die am Beginn dieses mittleren Alters liegt. So resümierte der gleiche Oscar Wilde: „34 scheint ein sehr attraktives Alter zu sein. London ist voller Damen von hoher Geburt, die jahrelang schon 34 sind.“ Und fügte dann etwas später hinzu: „Vertraue keiner Frau, die bereit ist, ihr wahres Alter zu nennen. Eine Frau, die das erzählt, kann dir alles erzählen.“

Der Kinderpsychologe Art Linkletter beschrieb die vier Lebensabschnitte des Menschen so: „Infancy, childhood, adolescence and obsolescence“ (Kleinkindalter, Kindheit, junges Erwachsenenalter und Schwund). Eine typische Aussage von einem, der für Golf zwar zu jung ist, aber zu alt, um noch einen Ball in den Korb zu bekommen.

Das mittlere Alter zeichnet sich ohnehin dadurch aus, dass man noch alles tun könnte, aber es nicht mehr tut, aber in jedem Fall darauf achtet, immer einen Pullover dabei zu haben.

Dies ist auch die Zeit, in der man die beiden großen Lebensregeln kennen lernt, eine allgemeine und eine besondere. Die allgemeine Regel ist: Du kannst in deinem Leben all das erreichen, was du wirklich willst. Die besondere Regel nur ist, dass jedes Individuum die Ausnahme zur allgemeinen Regel darstellt.

Und weitere Erkenntnisse warten da auf einen mittleren Alters: das Leben scheint wie ein Safe, zu dem es zwar eine Zahlenkombination gibt, nur die Zahlenkombination befindet sich im Safe. Es ist nicht einfach, mit einem solchen Leben klar zu kommen, zumal es bereits von Anfang an die seltsame Eigenschaft besitzt, einen die falsche Abzweigung nehmen zu lassen, bevor man auch nur zu laufen gelernt hat. Die Voraussetzungen scheinen hart und glaubt man dem 116 Jahre alten Ilija Rogoff, so sind „…die ersten hundert Jahre die schwierigsten und Leben bestimmt nicht jedermanns Sache.“

Vorausgesetzt man kommt dazu, denn es findet ja meistens zu den Zeiten statt, in denen man nicht zum Schlafen kommt, und wenn man dann auch noch zu dem Schluss gelangt, dass das Leben wirklich hart sei, sollte man sich sofort fragen: „Im Vergleich wo zu?“

Zwei Iren unterhalten sich über das Leben. Der eine, Dylan Thomas: „Oh, wie kann das Leben schrecklich sein; Gott sei Dank!“, antwortet der andere, George Bernard Shaw: „Wie kannst du dir Gedanken machen über etwas, das viel zu kurz ist, um es ernst zu nehmen?“ Kommt ein Engländer, Oscar Wilde vorbei, schüttelt den Kopf und sagt zu den beiden: „Das Leben ist eine viel zu wichtige Sache, um darüber wirklich ernsthaft zu reden.“

Dass diese drei auch große Dramatiker waren, und das jeder Mensch eine Neigung zu Dramen hat, oder zu Filmen, zumindest aber zu DVDs am Computer, ist sicher kein Zufall, denn irgendwie erinnert uns das Leben an Theaterstücke und Filme. Wobei sich im Leben die Dinge nicht ganz so einfach und eindeutig lösen lassen und all die schwierigen Passagen bis zur Neige ausgekostet werden wollen. Manches wünschte man sich gerne im Schneideraum ein wenig gerafft und manchmal gleicht das Leben auch diesen überlangen anspruchsvollen Theaterstücken, bei denen man nicht umhin kann, sich der im Voraus gelesenen Kritiken zu erinnern.

Was ist es nun wirklich?

Eine Schachtel Konfekt?
Nicht mit unserem Gebiss!

Ein Cabaret, old chap?
In dieser Nachbarschaft?

Realität?
Kaum.

Ernst?
Ich muss doch schon sehr bitten!

Andreas Wald
Januar 2007

Dezember 23, 2007

Humor in der islamischen Welt

Gespeichert unter: Uncategorized — endieffendi @ 3:15

Ein Text von Andreas aus seiner Zusammenarbeit mit dem Museum für Islamische Kunst Berlin:

Humor in der islamischen Welt

Es scheint zunehmend schwieriger zu werden, sich simple Themen zu stellen, ohne jedes einzelne Wort in seiner Bedeutung festzulegen und diese ebenfalls zu rechtfertigen. Was im Falle von Humor noch vergleichsweise leicht fällt, wird bei der Bezeichnung „islamische Welt“ inzwischen zu einer Gratwanderung. „Islam“, als Bezeichnung einer Religion, ist ein Begriff geistlichen Ursprungs. „Welt“, die Bezeichnung einer Hemisphäre, ist weniger geographisch als die einer Region, nicht ganz so umfassend allerdings wie die einer Welt, in der wir alle leben. Vor nicht zu langer Zeit hätte man darunter noch Länder verstanden, in denen eine Mehrheit der Einwohner für sich die Religionszugehörigkeit zum Islam beansprucht. Im folgenden Text soll diese, zugegebener Weise rein statistische und wenig aussagekräftige Bezeichnung, noch einmal genügen. Es geht schließlich doch nur um Humor.

A – Was ist Humor?

Das Wort, ursprünglich aus dem Lateinischen entlehnt, das eigentlich „Feuchtigkeit“ oder „Verflüssigung“ bedeutet, ist eine der latinisierenden Wortschöpfungen aus dem 16. Jahrhundert und galt damals als ein medizinischer Begriff. Es gehört zu meinen tieferen Absichten, ihm dort, in der Welt des Heilens, auch wieder zu seiner ursprünglichen Bedeutung zu verhelfen.
In der mittelalterlichen Medizin umfasste der Begriff den Gesamtfluss der Körpersäfte, deren Zusammenklang die vier Temperamente und deren weitere Mischformen ergab. Ihre Namen, heute noch geläufig, sind die Cholerik, die Phlegmatik, die Sanguinie und die Melancholie.
Ein Zuviel an überfließender Galle (Cholis) führt zu jähzornigen, cholerischen Reaktionen. Ein Zuviel an potenziell entzündbarem Schleim (Phlegma) zur Phlegmatik, zur Trägheit und Schwerfälligkeit. Eine Leichtflüssigkeit des Blutes macht den leichtsinnigen Sanguiniker aus (Sanguis = Blut) und gestaute Körpersäfte, die die Galle (Cholis) schwarz (melan) werden lassen führen zu Schwermut, in die Melancholie.
Fließen die Säfte in harmonischem Einklang, halten sich Jähzorn und Trägheit, Leichtsinn und Schwermut gegenseitig in Balance, spricht man von einem „guten Humor“, die Engländer bereits von ‚good humour’ seit dem 16. oder ‚sense of humour’ seit dem 17., wir Deutschen, mit eigener Bedeutungsfärbung und der französischen Betonung auf der zweiten Silbe, erst seit dem 18. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt war am Humor nicht wirklich etwas zum Lachen.
Der Aspekt von Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung bediente sich des Begriffs „Humor“ tatsächlich erst nach der Erkenntnis seiner Heilsamkeit. Seitdem wird die Erbschaft der vier Temperamente im Humor noch einmal sichtbar in der Typisierung:
Bösartiger Humor, scharfe Schadenfreude als einer aggressiven Form, zumeist gegen bereits ausgemachte Feinde, nie gegen sich selbst.
Schwerfälliger Humor, oft auch schwejksche Renitenz, scheinbar eher bereit zu unfreiwilliger Komik, häufig mit einer Selbstironie verbunden.
Leichtsinniger Humor, das berühmte stete Späßchen am Rande, auflockernd zwar, aber auch immer bereit, alles für einen Lacher aufs Spiel zu setzen.
Und schließlich der Humor der Verzweiflung, beißende Ironie, chronischer Zynismus, zerfleischender Sarkasmus, unabhängig von jedem Ziel.
Guter Humor ist das alles, mit wenigen Ausnahmen, nicht. Da bleibt es bei der medizinischen Bedeutung der „guten Säfte-Mischung“. Stimmt diese, könnte man meinen, hätte das Wort „human“ seinen Ursprung als „menschlich“ in der Erkenntnis des Humors, als dem allzu Menschlichen. Aber diese Behauptung wäre dann bereits ein Witz.
Und was ist ein Witz?
Nun, sicher auch mehr als das mitteldeutsche Abstraktum des althochdeutschen „wizzi“, „zu wissen“. Gewitzt ist jemand, der die Klugheit besitzt, etwas auf den Punkt, die Pointe, bringen zu können.

B – Gibt es Humor in der Religion?

Wer glaubt, im bisherigen nicht auf seine Kosten gekommen zu sein, was sein Recht zu lachen betrifft, bekommt es beim folgenden Thema mit einer, wenn auch nicht witzlosen Welt, so doch mit einer weitgehend späßchenfreien Sphäre zu tun: die Welt des Glaubens und der Religionen, dem Göttlichen aus menschlicher, im besten Falle staunender Sicht. Wobei wir der Fairness halber sagen müssen, dass wir das Religionsbild auf unsere vorderorientalische Glaubensherkunft aus Judentum, Christentum und Islam eingrenzen.
War der eine Gott der Juden noch ein zürnender, ein schweigender, ein wohlwollender, dann wiederum grollender Gott, beschränkte sich der Einklang zwischen Gott und Mensch eher auf Momente der Glorie, und auf uneingeschränkten Lobpreis durch seine Geschöpfe. Mit solch einem Herrn bestand gar kein Bedarf nach Himmel und Hölle. Ersteres war das Gelobte Land, Zweiteres sein Verlust.
Dies zumindest sollte sich unter den, ja zuerst ausnahmslos jüdischen Christen deutlich ändern. Gott wurde zum Lieben Gott, zumindest denen gegenüber, die ihn liebten. Für die, die mit der Attribuierung der Liebe etwas vorsichtiger waren, galt die nahtlose Übernahme des zürnenden und konsequent strafenden Gottes der Vorgänger. Für Erstere gab es den Himmel, für Zweitere die Hölle.
Die Muslime fanden dies alles erst einmal sehr in Ordnung, stießen sich auch nicht an der Attribuierung als „der Liebe“, wohl aber an der Familieneinbindung. Denn hier gab es eine Muttergottes, einen Gottvater, einen Gottessohn und einen stets geraden Haussegen, genannt der „Heilige Geist“. Das ging den Muslimen deutlich gegen das Verbot, sich ein menschelndes Bild zu machen. Ihr Gott war abstrakt.
Mit den Christen verband sie allerdings eine durchaus ähnliche Vorstellung von Himmel und Hölle, wenn sie auch in den Gründen dafür divergierten.
Auch ihre Hölle hatte ein Feuer, eine miese Brut, die für dessen Bereitstellung sorgte, die Kessel wartete, die Holzzufuhr gewährleistete und die Feuerzeuge bereit hielt.

Doch in einem unterschied sich die muslimische Hölle von der christlichen. An manchen Tagen fehlte es an Holz, dann waren alle Kessel belegt, und wenn, was auch nicht immer sicher war, alle zum Dienst erschienen waren, ging wieder mal kein Feuerzeug…
… womit wir bei einem waschechten muslimischen Witz angekommen wären.

Die Rolle des Humors in der islamischen Welt
Auch wenn ich in der Werbebroschüre eines Studienreisenveranstalters den Hinweis an Gruppenreisende gelesen habe, im Mullahstaat Iran nicht in der Öffentlichkeit zu lachen, da dies gegen den Islam verstieße, erinnere ich mich unter Gelächter eher daran, dass ich, lange bevor ich wusste, was ein Mullah sei, einen Mullah bereits sehr gut kannte und dies weitaus besser als den eines späteren irdischen Gottesstaates.
Für mich war der Begriff „Mullah“ Synonym für Gelächter, besonders in der Öffentlichkeit, und dieses ausschließlich seitens von Muslimen. Ich wuchs als Sohn deutscher Eltern in Sarajewo, der damals letzten erhaltenen Metropole der islamischen Welt in Europa auf, eingebettet in eine muslimische Nachbarschaft, mit der wir, nach dem zweiten Weltkrieg, weit mehr teilten als nur Haus und Küche. Meine Milchamme hieß Hafida und mein Milchbruder Selim.
Wenn man mir als Kind etwas erklärte, so war es mittels einer Mullah-Nasruddin-Geschichte, wie dieser, von bleibendem Wert:

Der bosnische Staatsrat veranschlagte die Steuer für den „Genossen“ Nasruddin. Mullah Nasruddin gab an, er habe all sein Vermögen in Getreide angelegt. Man hatte bereits vermutet, dass Nasruddin in illegale Börsengeschäfte verwickelt war und fragte weiter, was ihm das eingebracht habe. „Nun“, meinte Nasruddin, „Mehl.“. „Und das?“, insistierte man weiter. „Das wanderte ins Brot.“ „Und was geschah mit dem Brot?“ „Das steckt in meinem Bauch.“
Der Mullah nutzte im Gegenzug den Augenblick entstandener Stille, um sich nach einer Veteranenrente für Volkshelden zu erkundigen und verstärkte den Druck seiner Nachfrage damit, dass er etwas zu tun drohte, das er noch nie gemacht habe. Man gewährte ihm eine monatliche Summe von rund 800 Dinaren und fragte ihn, als sich die Stimmung etwas entspannt hatte, was das denn wäre, das er noch nie getan habe: „Arbeiten.“, war die Antwort Nasruddins.
Mein Taiji-Lehrer aus Shanghai kennt die absolut identische Geschichte von dem weisen Af Fan Ti. Drei chinesische Schriftzeichen, die keinen chinesischen Begriff ergeben, sondern lediglich die Umschrift eines uigurischen, heute westchinesischen Ehrentitels, der in der sogenannten islamischen Welt einen hohen Klang besitzt: Effendi.
Als Michael Gorbatschow nach den Abrüstungsverhandlungen 1985 in Paris bei einer Pressekonferenz nach der Aufrichtigkeit seiner Politik befragt wurde, antwortete er sehr erfolgreich mit einer Geschichte von Apandi Nastarik – so eine russische Namensversion: „Nastarik und sein Sohn sind mit einem Esel unterwegs, aber wie sie auch reisen, nie können sie es den anderen Recht machen: Einmal sitzt Nastarik auf dem Esel, einmal sein Sohn, einmal beide, einmal keiner. Schließlich trugen sie den Esel, um endlich ihre Ruhe zu haben.“

Als ich zur Zeit meiner Einschulung mit meinen Eltern nach Deutschland migrierte, lernte ich genau diese Geschichte in der Freiburger Grundschule kennen, als eine typische Arbeit des großen badischen Heimatpoeten Johann Peter Hebel, die wie keine andere das Wesen des Badeners gegenüber der Missgunst der Württemberger darstelle.
Dieser Mullah war Kosmopolit, lange vor der Erfindung des Begriffes „Globalisierung“. Nasruddin, der auf eine Unzahl Vorgänger anderen Namens von der iberischen Halbinsel bis zum malaiischen Archipel zurückblicken kann, gilt heute als so etwas wie der Eulenspiegel des Orients. Mir allerdings wurde Eulenspiegel als eine Art abendländischer Nasruddin vorgestellt. Es bleibt weniger die Frage, ob es so etwas wie einen spezifischen „islamischen Humor“ gibt, als eher, wie privat oder öffentlich sich der in beiden Kulturen identische „Säfteausgleich“ zeigt.

C – Vom großen Meister der „Narren“

Basierend auf der islamischen Mystik, doch nicht ihr allein, entstand die etwas ernüchternde Sicht, dass der Mensch, selbst der gläubige und manchmal auch gerade der Gläubige seiner Art nach einem abgerichteten Tier gleicht, das aufgrund von Strafe und Belohnung den sicheren Weg der Imitation gewählt hat, bis er weder zu eigenen Empfindungen, Gefühlen und noch weniger zu selbstständigem Denken in der Lage ist. Nun wäre dies nicht so schlimm, denn jedem sollte ein Recht auf Feigheit gewährt werden, hätte dieses nicht zur Folge, dass eine Gesellschaft von Angsthasen in den Wenigen, die sich noch ihres Verstandes frei zu bedienen in der Lage sind, nur verachtenswerte Narren sieht.
So kam es, dass viele der großen Denker nicht nur des Ostens sich gleich selber Narren nannten und es vorrangig dabei beließen, den Allerwelts-Feiglingen den Spiegel vor zu halten.
Nasruddin wäre dann so etwas wie ein Konglomerat dieser „Einsichtigen“, die tiefes Verständnis für die Gründe hegen, die den Durchschnittsmenschen dazu zwingen, in ihnen nur den Narren zu sehen.
Nasruddin ist, das steht fest, ein Meister, persisch ein Mullah, türkisch ein Hodscha, usbekisch ein Khwaiya. Sein Name, aus dem Arabischen „Nasr ad Din“ heißt nichts weniger als „Sieg der Religion“. Einige sagen, er habe tatsächlich gelebt, im 13. Jh., und entsprechend gibt es auch mindestens ein Grab, u.a. eins in Anatolien.
Andere sagen, er sei natürlich eine Erfindung, so wie jede Witzfigur, von Tünnes bis Klein-Fritzchen. Wieder andere meinen, er sei eine Mischung von beidem gewesen: sowohl ein Ansammlung vieler Meister, in einer Person zusammengefasst, als auch eine allgemein bekannte Größe, an der sich jeder Witz aufhängen ließ.
All dieses kann nebeneinander bestehen, und so gibt es raffinierte philosophische Weisheitsgeschichten neben obszönen Plattheiten. So gibt es die üblichen Möglichkeiten für Schadenfreude neben Einsichten, bei denen in uns, noch im Lachen, ein tieferer Hörer erwacht.
Lediglich über den Zweck seiner Geschichten, ihre Autoren und deren Absichten gehen die Meinungen weit auseinander. Das Spektrum reicht von einer vermuteten Weisheitsschule Zentralasiens, die zu der Erkenntnis gelangt war, dass unbequeme Wahrheiten, die, direkt ausgesprochen, vom Schüler als Kränkung aufgefasst werden könnten, sich unter Gelächter leichter ertragen ließen, bis zu der Erklärung, dass jede Vermutung, dass es sich bei diesen, seinen Witzen, um versteckte Lehrgeschichten handeln könne, abstrus sei und sie damit eher ins Reich der Legende gehöre, wenn auch, und darin ist man sich wieder einig, einer sehr schönen Legende.
Erstere, die Anhänger der Legende vom versteckten Sinn, sehen sich von Zweiteren eher bestätigt, denn würden diese Geschichten ihren Sinn gar zu leicht offenbaren, hätten sie ihr Ziel verfehlt. Zweitere, die Anhänger des Volkswitzes reinster Prägung, sehen bereits in dieser Reaktion wieder nur ein typisches weiteres Legenden-Element.

Der Mullah streute, nachdem er trockenes Brot gegessen hatte, die Unmenge übriggebliebener Krümel vor seinem Haus auf die Strasse.
Ein Nachbar, dem alles, was der Mullah tat, höchst merkwürdig vorkam, wollte von Nasruddin den Sinn all dessen erfahren.
Der Mullah antwortete, es hielte die Tiger fern.
Der Nachbar entgegnete, dass es hier doch gar keine Tiger gäbe.
Der Mullah darauf: „Kannst du mal sehen, wie es wirkt!“

Tatsächlich wird man es schwer haben, einen Mystiker des Ostens zu finden, dessen Lektionen nicht mit Nasruddin-Geschichten gespickt sind, und ebenso häufig wird man auf Nasruddin-Geschichten stoßen, die in ihrer dümmlichen Einfalt, über jeden Verdacht eines verborgenen Sinns weit erhaben sind.
Aber darin liegt der besondere Reiz der Geschichten. Sind diese Geschichten einfach nur dumm oder zeigen sie uns unsere eigene Dummheit? Manchmal ist es geradezu hilfreich, die Geschichten für dumm zu erklären. z.B. um sein Gesicht zu wahren:

Der Mullah meinte, einen einflussreichen Freund besuchen zu müssen. Er kam aber nicht am Türsteher vorbei, der ihn wissen ließ, dass sein Herr ausgegangen sei, er ihm aber gerne etwas ausrichten würde.
Der Mullah antwortete: „Sag ihm, dass er, wenn er das nächste mal das Haus verlässt, nicht vergessen solle, sein Gesicht mit zu nehmen. Am offenen Fenster kann so etwas ziemlich leicht wegkommen.“

Manche Bedeutungen verstecken sich an der Oberfläche, so dass sie dem, der sich aufs tiefe Graben eingestellt hat, gar zu leicht entgehen:

Der Mullah kreuzte mehrfach in der Woche mit riesigen Ballen Stroh auf seinen Eseln die Grenze.
Die Zöllner, der festen Überzeugung, es mit einem Schmuggler zu tun zu haben, durchsuchten das Stroh akribisch.
Manchmal, aus Zorn, nichts gefunden zu haben, verbrannten sie die Last und manchmal machten sie sie so nass, dass sie von den armen Tieren nicht mehr zu tragen war.
Doch der Mullah wurde reicher und reicher. Als er sich endlich zur Ruhe setzen konnte, fragte ihn ein Zöllner, was er nun wirklich geschmuggelt habe.
Der Mullah antwortete: „Esel!“

D – Zeitreise mit unserem Helden

Im nun folgenden werden wir uns auf die Reise an die Ursprünge der Nasruddin-Geschichten machen. Weniger an die Ursprünge der geschichtlichen Person, die uns ja lediglich durch Erzählungen bekannt ist, als auf die Suche nach weiteren Persönlichkeiten, aus deren Wurzeln sich der Ruhm des schließlich unvergleichlichen Meisters zusammen gesetzt hat.

Wir werden neue Persönlichkeiten entdecken und mit ihnen weitere Farben im Spektrum unseres Helden.

7. – 8. Jahrhundert
Bei den Umaijaden, der ersten großen arabischen und auch islamischen Dynastie – Islam war damals eine arabische Angelegenheit – lebte im südlichen Irak eine Person mit Namen Dajain (Dschuha) ibn Tabit. Die heute noch anhaltende Entzweiung zwischen den Sunniten und den Schiiten, den Gefolgsleuten Alis, nahm damals ihren Anfang. Während mit großer Spitzfindigkeit die Autorisierung der einen oder anderen Richtung erläutert wurde, reagierte Dschuha mit ungewohnter Gelassenheit:
„Die Sorge um mein tägliches Brot hat mir keinen Platz dafür gelassen, irgendjemanden zu lieben oder zu hassen!“
Weder denen, die sich für die Sunna, noch denen, die sich für die Schi’a entschieden hatten, gefiel diese Haltung. Man begann über Dschuha zu spotten, wobei sich Schiiten und Sunniten wiederum erstaunlich einig waren.
Der Theologe Ibn al Ghauzi schildert ihn als „durch seine hohe Vernunft absonderlichen Menschen, der, da immer missverstanden, von seinen Nachbarn mit der Zuschreibung drastischer Anekdoten verunglimpft werden sollte“, wie z.B. dieser:
Ein Gelehrter, der zu Dschuhas Freunden zählte, war gestorben. Alles, was Rang und Namen hatte, war zu seinem Begräbnis erschienen, denn man hoffte auf die Fürbitte des dahingeschiedenen Theologen. Da erhob Dschuha das Wort und verkündete mit von Tränen gebrochener Stimme:
„Wer wird jetzt noch einen Eid für mich schwören, wenn ich gelogen habe?
Wer wird mich jetzt zum Trinken auffordern, wenn mich bittere Reue überkommt?
Wer wird mich jetzt im Bordell auslösen, wenn ich wieder mal kein Geld habe?
Möge mich Gott selbst nun nie fehlleiten, jetzt, wo er mich Deines weisen Rates entzogen hat!“

Es ist erstaunlich, wie gewisse obszöne Gesten die Zeiten überdauern und die Grenzen verschiedener Kulturen geradezu spielend überschreiten:

„Kannst Du mit Fingern rechnen?“ Dschuha bejahte.
„Nimm zwei Sack Weizen!“ Dschuha knickte den kleinen und den Ringfinger um.
„Dann nimm zwei Sack Gerste.“ Dschuha knickte den Zeigefinger und den Daumen um. Der Mittelfinger blieb stehen.
„Warum denn das?“, man wich vor ihm zurück.
Dschuhas Antwort: „Damit der Weizen sich nicht mit der Gerste vermischt.“
Dies ist wohl noch die feinste einer Reihe von Geschichten, die, soviel sei verraten, Dschuha bald den Namen Abu al Ghusm, Vater des Pfurzes, einbrachten.

8. – 9. Jahrhundert
Als die Abbasiden, nach langem Bürgerkrieg, unter der Hilfe der Schiiten ihre Macht ausbreiteten, erlebten die Geschichten über Dschuha eine erste Verfeinerung, denn sie gehörten nun auch zum Zeitvertreib bei Hofe, wo sie als eine Form der freien Meinungsäußerung dienten. Wen wundert es da, dass Dschuha fortan zum Alter Ego gar mancher Trinkgefährten der Kalifen avancierte, wie z.B. des Dichters Abu l Anbas, der die abbasidischen Kalifen Al Mutawakhil und Al Mutamid mit Erzählungen in Form von Dschuha-Geschichten erfreute. Wenige sind erhalten, leider nur kurze, wie z.B. diese:
Jemand sagte zu Dschuha: „Schau einmal, da schleppen Leute wahre Schätze mit sich herum!“ Dschuhas Reaktion: „Was geht das mich an?“ „Aber man bringt sie zu Deinem Haus!“ Dschuha: „Was geht das Dich an?“

Als man Dschuha dabei erwischte, wie er vor Sonnenuntergang an Ramadan eine Mandel knacken wollte, und sie ihm vor Schreck zwischen zwei Steinen entglitt, fing sich der Ertappte schnell und philosophierte: „Gepriesen sei Gott! Vor kurzem noch hielt ich die Mandel für ein seelenloses Ding, doch nun weiß ich, dass auch sie dem Tod entflieht.“

Dschuhas kleiner Sohn wurde einst gefragt, wo sein Vater sei. „Der ist im Haus und belügt Gott!“ Erstaunt über die Antwort des Kleinen wollte man mehr wissen und der Sohn erklärte „Er sitzt die ganze Zeit vor dem Spiegel und preist Gott dafür, sein Antlitz und seinen Charakter so formvollendet erschaffen zu haben.“

10. – 11. Jahrhundert
Dschuha hatte es nun endlich zu literarischem Ruhm gebracht. Aus den Aufzeichnungen des Bagdader Buchhändlers Mohammed ibn Nadim gehen bereits gut verkaufte Bücher mit Anekdoten über Dschuha hervor.
Wenig davon ist erhalten. Eine Kostprobe haben wir doch:
Dschuha, der sich schon als Kind wenig Illusionen machte, wurde geschickt um Eier zu kaufen, zehn an der Zahl. Da er sicher gehen wollte, nicht übervorteilt zu werden, sah er es als gerechtfertigt an, sich seinen Anteil bereits abzuknapsen:
„Es sind zehn Eier und wir sind drei Leute. Also behält jeder von uns drei Eier, eines bleibt übrig, das nehme ich.“ Also aß er es.
„Jetzt besteht mein Anteil aus drei Eiern.“ Die aß er auch und zählte die Eier erneut und stellte fest, dass es sechs waren.
„Wenn diese Eier unter drei Leuten aufgeteilt werden, erhalte ich zwei.“ Die aß er und überlegte weiter: „Jetzt sind vier übrig. Jeder erhält eins und das übriggebliebene ist für mich.“ Das aß er und dachte wieder: „Mein Anteil von den drei Eiern ist eins“, und auch das aß er auf. Zu Hause platzte der Vater beim Anblick des Restes von zwei Eiern: „Du hast fast alle Eier aufgegessen und willst uns erzählen, das wäre dein Anteil gewesen?“
Dschuha antwortete, „Aber du hast mir doch beigebracht, dass, wer nicht rechnet, es nicht weit bringen wird?“
Noch im 10. Jahrhundert erreichten die Dschuha-Geschichten Europa, wenn auch erst einmal das arabische Andalusien und erschienen im Werk des Ibn Abdrabhihi „Die einzigartige Halskette“.
Doch dazu mehr, später im Raume der Alhambra.

12. – 13. Jahrhundert
Als auch im 12. Jahrhundert endlich die Dschuha-Geschichten in persischer Übersetzung vorlagen, in denen er Dschohi genannt wurde, und als Zeitgenosse des mystischen Dichters Sayyed Hamza im 13. Jahrhundert zu spiritueller Größe hochstilisiert wurde, avancierte er langsam zu dem uns bekannten Mullah. Hamza war ein großer Weisheitslehrer, der dafür bekannt wurde, dem persischen Sprachraum eine Kosmogonie bleibenden Wertes hinterlassen zu haben, hätte vielleicht sogar Freude an der folgenden Geschichte Dschohis gehabt, die ein Gespräch unter „Kollegen“ zum Thema hat. Auch hier erspare ich Ihnen wieder die allzu obszönen Geschichtenvarianten.

Hamza sagte eines Tages zu Dschohi: „Besteht Deine ganze Sicht der Welt eigentlich nur aus billiger Albernheit?“ Dschohi antwortete, „Ja. Wenn man eine Sache gut kann, ist das mehr als genug. Und was hast Du in Deiner Unvollkommenheit vorzuweisen?“ Der Sayyed antwortete: „Ich bin noch nie ans Ende meiner Vorzüge gelangt. Jede Nacht verlasse ich die Welt der menschlichen Wesen und Eurer Dimensionen und fliege an die Grenzen des ersten Firmaments. Dann greife ich durch es hindurch und berühre, was ihm zugrunde liegt.“
Dschohi entgegnete: „Berührt dabei deine Hand etwas von unendlicher Feinheit?“ Hamza nickte und versuchte fortzufahren. Doch Dschohi unterbrach ihn: „Und ich wundere mich jede Nacht im Schlaf, dass mich jemand an meinen Füßen kitzelt.“

13. Jahrhundert (Zentralasien)
Spätestens jetzt im 13. Jahrhundert vermischen sich die arabischen und iranischen Quellen Dschuhas und Dschohis mit den zentralasiatischen Nasr ad Dins und die Geschichten des einen tauchen in den Sammlungen der jeweils anderen auf.
Ein Beispiel:

Eines Tages sagte Timur Lenk, auch bekannt als Tamerlan oder Timur der Lahme, der Amir von Usbekistan, zu Nasr ad Din: „Molla, in den Tagen der Abbassiden hatte jeder der Kalifen einen Beinamen, wie ‚derjenige, den Gott erfolgreich macht’ oder ‚derjenige, der auf Gott vertraut’ oder ‚derjenige, der Gott Gefolgschaft leistet’ usw. Wenn ich einer von ihnen gewesen wäre, welchen Beinamen hätten die Leute wohl für mich ausgewählt?“
Nasr ad Din antwortete: „Bei Gott! Sie hätten Dir sicher den Beinamen ‚derjenige, vor dem wir Zuflucht bei Gott suchen’ gegeben.“

13. Jahrhundert (Seldschukisches Reich)
Und schließlich im seldschukischen Reich wurden sie zum unerlässlichen Erzählgut der Soldaten, reisenden Kaufleute und Basarhändler. Jede dieser Gruppen mag die nun folgende Geschichte etwas anders erzählt haben:

Nasreddin hatte einen kleinen Stand in einer Karawanserei bezogen und lauschte fasziniert den Angebereien einer kleinen Söldnertruppe, die sich in Schilderungen ihrer Kaltblütigkeit zu übertreffen suchten. Schließlich hielt ihn nichts mehr zurück, mit eigenen Heldentaten aufzuwarten: „Ich habe einmal mit meinem doppelschneidigen Schwert auf einen Streich ein Bein von seinem Besitzer getrennt. Mit einem Streich!“ Wer den Mullah kannte, war erstaunt, denn niemand hatte ihn je auf einem Schlachtfeld vermutet. Einer der Soldaten fragte verwundert: „Warum hast Du ihm nicht den Kopf abgeschlagen?“ Der Mullah: „Das hatte ein anderer vor mir schon erledigt.“

Vielleicht gründet hierauf auch das anatolische Sprichwort, dass der mutigste unter den Feiglingen der sei, der den toten Tiger als erstes tritt.

Es war die große Gabe des Meisters (Mevlanas) Dschelaluddin Rumi, Geschichten des Volksmundes eine tiefere Bedeutung zu entlocken. Rumis gedichtetes Werk der Mathnavi, eines vorrangigen Stücks Weltliteratur, wartet, sehr zur Verwunderung der zeitgenössischen Theologie, mit Nasruddin-Geschichten wie dieser auf:

Eine alte Dame hatte einen Adler gekauft. Irgendetwas gefiel ihr an dem Vogel nicht. Zum ersten konnte er nicht Stimmen imitieren, dann hatte er viel zu große Flügel, ganz zu schweigen von seinem hässlichen Hakenschnabel. Die Klauen waren ungepflegt und viel zu groß. Zu erst ging sie dem Ganzen mit einer groben Schere zu Leibe und als das arme Tier gänzlich verstümmelt war, vollendete sie ihr Werk mit einigen Tiegeln Farbe. Erst als eine gewisse Ähnlichkeit zu einem Papageien zu erkennen war, meinte sie zu dem geschundenen Tier: „Jetzt kommst Du einem schönen Vogel ein wenig näher.“

Für Rumi war diese, stets Dschuha zugeschriebene Geschichte eine der großen Lehren an den nach selbstständigem Denken suchenden Schüler, stets der Falle der „alten Dame Welt“, die ein Symbol für gesellschaftliche Normen war, zu entfliehen, solange es einen noch nicht die Flügel gekostet hat.

Wir sind im Konya des 13. Jahrhunderts.
(Nach kurzem Exkurs über den seldschukischen Minbar)

Kann auch die finale Wahrheit nicht hoch genug bewertet werden, entscheidet doch zumeist niedrigster Pragmatismus darüber, ob man sie auch erleben wird.
Nasruddins Einsicht beruht auf der Weisheit derer, die sich von der oberflächlichen Auslegung der Religion verabschiedet haben.
Wen nimmt es da wunder, dass sich der Ruf von Nasruddins Weisheit besonders auch bei dem einfachen Volke herumsprach.
Das Oberhaupt einer Gemeinde im anatolischen Konya hatte von des Mullahs geheimem Wissen erfahren, und man lud ihn ein, nach dem Freitagsgebet ein paar erleuchtende Worte an die Gläubigen zu richten.
Neben einer gehörigen Portion Überredungskunst sorgte eine ansehnliche Summe dafür, den Mullah vom Sinn dieser Berufung zu überzeugen.
Der Freitag kam, und der Mullah betrat den Minbar, den treppenartigen Aufbau, der in den Moscheen als Kanzel dient. es war mucksmäuschenstill. Der Mullah begann mit einer Frage:
„Wer von euch kennt Gott?“
Es blieb still, denn niemand wollte sich vor dem großen Meister blamieren, und der Mullah blieb still, als wartete er auf eine Antwort. und er blieb auch still, als er, nachdem keine Antwort gekommen war, seinen Mantel ergriff, um das Gotteshaus zu verlassen. erst im Eingang, im Aiwan, sagte er:
„Wie kann ich zu Menschen, die Gott nicht kennen über Gott reden?“
Dem Gemeindeoberhaupt gelang es, den Mullah davon zu überzeugen, dass die hohe Achtung vor dem Meister der Grund für das Schweigen war, und er am nächsten Freitag wieder kommen solle.
Der nächste Freitag kam, der Mullah kam und er begann erneut mit seiner Frage:
„Wer von euch kennt Gott?“
Dieses mal gingen alle Arme nach oben und bestätigendes Gemurmel bedeutete Nasruddin, es mit wahren Gottkennern zu tun zu haben. Der Mullah schien beeindruckt, nahm seinen Mantel und sagte wieder erst am Aiwan:
„Was kann ich Menschen, die Gott bereits so gut kennen, noch von Gott erzählen?“
Ein weiteres mal gelang es dem Gemeinde-Oberhaupt den Mullah vom Sinn und sicher auch der Einträglichkeit eines dritten Versuches zu überzeugen.
Und wieder stellte der Mullah nach dem Freitagsgebet seine Frage:
„Wer von euch kennt Gott?“
Man hatte sich abgesprochen. ziemlich genau die eine Hälfte der Arme ging nach oben, die andere blieb unten. Der Mullah nahm seinen Mantel und verließ die Gemeinde mit den Worten:
„Dann mögen die, die Ihn bereits kennen, denen, die Ihn noch nicht kennen, von Ihm erzählen!“

Spätestens seit diesem Augenblick, der selbstverständlich nur erzählerisch überliefert wurde, muss der Mullah eine so wichtige Rolle im seldschukischen Reich, namentlich unter den Derwischen und Geschichtenerzählern gespielt haben, dass die im 15. Jh. von Lami Celebi, einem Nachfahren Rumis, herausgegebene Sammlung seiner Geschichten aus Nasruddin den bis heute für die Türkei verbindlichen Volkshelden machte.
Lami Celebi, wie auch dessen Urenkel, dem berühmten Reisenden Evliye Celebi im 16. Jh., verdanken wir den Beginn der türkischen Nasruddin-Forschung, die den Mullah, türkisch den Hodscha, zur realen Person eines Meisters aus der südanatolischen Stadt Sivri Hisar erklärte und auch unfern, in der Stadt Akshehir das Grab des im 14. Jh. Verstorbenen ausmachte.

Nicht jede der patestehenden Regionen sieht sich mit dieser Zuordnung einverstanden. Das usbekische Buchara fährt ausgerechnet unseren Goethe als Geschütz auf, denn immerhin erklärte dieser im westöstlichen Diwan Nasruddin zum „launischen Zug- und Zeltgefährten Tamerlans“ und damit zum timuridischen Narren. Wie wenig Einfluss die Forschung und ihre Vertreter indes auf die Inhalte seiner Geschichten gehabt haben, geht aus der folgenden hervor, die zumindest in dieser Erzählversion aus Buchara stammt.

Es war Schneeschmelze in Turkestan. Der Oxus war zu einem reißenden Strom angewachsen. Ein Gelehrter wollte sich von Nasruddin übersetzen lassen.
„Wenn du keine Angst hast, dass du bei der Übersetzung verloren gehst“, antwortete Nasruddin.
„Dass dir bei der Übersetzung nichts verloren geht, muss es heißen. nicht du, sondern dir!“ meinte der spitzfindige Fahrgast und ergänzte:
„Ja, wer sich nicht mit den Feinheiten der Sprache auseinandergesetzt hat, hat sein halbes Leben verloren.“
Nasruddin schwieg eine Weile und bemühte sich dann um die Fortführung des Gespräches:
„Aber kann es nicht auch sein, dass wer sich nicht mit der Fähigkeit zu schwimmen auseinandergesetzt hat, jetzt möglicherweise gleich sein ganzes Leben verlieren wird?“
Der Gelehrte fragte entrüstet, doch auch nicht ohne Hohn, wie er die erhabene Fähigkeit der Linguistik mit so etwas lächerlichem wie dem Schwimmen vergleichen könne.
Nasruddin zog die Ruder ein und antwortete:
„Nun, der Grund liegt vielleicht darin, dass wir gerade sinken!?!“

In der türkischen Version wird selbstverständlich noch für die Rettung des Gelehrten Sorge getragen, doch dieser verlässt erst einmal an dieser Stelle unsere Geschichte.

Wir machen uns, wie bereits versprochen, in den westlichsten Teil der arabischen Welt auf und lauschen unter einem der hölzernen Dachornamente der Alhambra einer Dschuha-Geschichte, deren Variationen uns in kaum veränderter Form auch aus späteren Nasruddin-Sammlungen bekannt sein dürfte.
Eine der hervorragendsten Eigenschaften des Humors ist, dass es noch keine Mittel gibt, seine Verbreitung zu behindern. Er scheint sogar von jeder Behinderung zu profitieren. Die unterdrückten Witze, heißt es, seien die besten. Komik, heißt es weiter, sei nur die kürzeste Form der Kommunikation. Selbst ein ungewöhnlicher Gedanke überwindet mittels des Witzes vorgestanzte Denkschablonen:

Dschuha war bei Hofe, als der almohadische Sultan sich lauthals darüber beklagte, dass in seinem Lande niemand es mit der Wahrheit all zu ernst nähme.
„Ach weißt du, Majestät, das mit der Wahrheit ist so eine Sache. Es gibt die echte Wahrheit und die relative, und die Menschen versuchen immer von ihrer relativen Wahrheit auf die echte zu schließen…
…anstatt sich zuerst in echter Wahrheit zu üben und dann das Erlernte in der weltlichen Wahrheit anzuwenden.
Folglich nehmen sie es mit der von Menschen geschaffenen Wahrheit nicht so genau, da sie aus eigener Erfahrung wissen, dass sie lediglich eine Erfindung ist.“
Der almohadische Sultan, dem das alles unverständlich war, verkündete darauf laut:
„Papperlapapp, eine Sache ist entweder wahr oder unwahr. Dschuha, du machst es wieder zu kompliziert. Ich werde die Leute zwingen, die Wahrheit zu sagen und ihnen so viel Angst vor der Lüge beibringen, bis sie sich an die Wahrheit gewöhnen!“
Vom folgenden Tage an wurden vor den Toren von Meknes Galgen aufgestellt, und Herolde verkündeten, dass, wer immer Meknes betreten wolle, zuerst auf die Fragen des wachhabenden Offiziers die Wahrheit sagen müsse.
Dschuha trat als erster vor:
„Was ist der Grund eures Besuches?“ wollte der Wachhabende wissen.
„Ich komme, um gehängt zu werden“, war Dschuhas Antwort.
„Ich glaube dir kein Wort.“
„Dann habe ich gelogen, und ihr müsst mich hängen!“
„Aber dann wäre das, was du gesagt hast, ja wahr!“
„In relativem Sinne,“ antwortete Dschuha, „ja!“
Man ließ ihn durch.

E – Die Nasruddin-Therapie

Erinnern wir uns kurz des Versuchs vom Anfang, Humor anhand der Bedeutungsgeschichte des Begriffes zu definieren. Da ging es um die innere „Säftebalance“. Ist diese Balance gestört, was immer dann passiert, wenn Jähzorn oder Stumpfsinn, Leichtsinn oder Schwermut das Szepter übernehmen, zeigen sich unwillkürlich Probleme, unüberwindbar aus der Perspektive dessen, der den jeweiligen Stimmungen der Missbalance erlegen ist. Das einzige Mittel besteht dann darin, das jeweilige „Programm“ erst einmal herunter zu fahren und das „System“ neu zu starten, gegebenenfalls den Rat eines Fachmanns aufzusuchen, der die Aufgabenstellung auf den Punkt, bestenfalls auf eine gute Pointe zu bringen in der Lage ist.

Zum Mullah kam eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn. „Was ist dein Anliegen?“ fragte der Mullah, nun ganz in der Rolle des wissenden Ratgebers.
„Mein Junge isst von morgens bis abends Zucker, Unmengen an Zucker und kaum etwas anderes.“
„Was kann ich also für dich tun?“ fragte der Mullah im Ton ernster Anteilnahme.
„Bitte befehlt ihm ausdrücklich, mit dem Zuckeressen aufzuhören. Auf euch hört er vielleicht. Mein Verbot hat gar keine Wirkung. Es ist, als rede man zu einer Wand.“
Der Mullah bat die Frau, zu ihrem Erstaunen, in einer Woche wiederzukommen und, zu noch größerem Erstaunen, nachdem die Woche zu Ende war, ihm eine weitere Zeit zu lassen.
Als dann die Frau mit ihrem Jungen nach zwei Wochen wieder auftauchte, setzte der Mullah eine ernste Miene auf und sprach zu dem Jungen:
„Hör auf, solche Unmengen an Zucker zu essen!“
Und das war´s. Die Frau, die sich sicher mehr erwartet hatte, wurde gebeten, aufzubrechen.
Zwei Tage später kam sie zurück und bat den Mullah, ihm eine Frage stellen zu dürfen. Nasruddin gewährte Audienz.
„Wieso hat es zwei Wochen gebraucht, um dem Jungen das zu sagen, was ich ihm seit Wochen predige, und dieses auch noch mit Erfolg?“
Der Mullah sortierte sich und antwortete:
„Die Zeit brauchte ich, um herauszufinden, ob ich meinen eigenen Verbrauch an Zucker reduzieren kann, bevor ich den Genuss von Zucker einem anderen verbiete.“

Diese Geschichte hat deutlich die Runde gemacht. Kaum ein heutiger Pädagogikstudent, der sie nicht in der einen oder anderen Weise näher gebracht bekam, meistens allerdings in der Version von Mahatma Ghandi, einem glühenden Verehrer Nasruddins.

Eines zumindest haben die großen weltbewegenden Weisheiten mit den Pointen selbst billiger Witze gemein: beide verlieren deutlich an Wirkung durch häufige Wiederholung.

Der Mullah erhielt Besuch von einem Verwandten aus seinem Heimatdorf. Der hatte eine Ente dabei, die sie bald in eine reichhaltige Mahlzeit verwandelten, von der am Ende noch eine Menge übrig blieb.
Am nächsten Tag kam ein enger Freund des Verwandten. Der fragte, ob noch etwas von der Ente übrig geblieben sei. Der Mullah fertigte ein Ragout, und der Gast war zufrieden.
Der gleiche Vorgang passierte zu gleicher Stunde des nächsten Tages, mit einem Freund des Freundes, der immerhin noch eine Suppe vorgesetzt bekam.
Der Freund des Freundes vom Freund des Verwandten bekam am darauf folgenden Tage nur noch eine Schüssel warmes Wasser vorgesetzt. Entrüstet, was dies denn zu bedeuten hätte, antwortete ihm der Mullah gelassen:
„Was du für warmes Wasser hältst, ist in Wirklichkeit die Suppe von der Suppe vom Ragout von einer Ente!“

Sicher gibt es die eine oder andere Nasruddin-Geschichte, die auch vom Weitererzählen nicht gerade profitiert hat. Dennoch sollten wir im nächsten Fall gerade für diese Wiederholungen äußerst dankbar sein, denn es geht hierbei nicht nur um Geschichten, deren Ursprung in der islamischen Welt – beide aus dem Iran des 16.Jh’s – auf den ersten Blick verwundert, sondern auch um Witze, die jeder von uns als absolut zeitgenössischen westlichen Humor empfindet. Kennen sie den?

Der Mullah besuchte einen Kollegen und klagte über seinen zunehmenden Mangel an Erinnerungsvermögen. Der andere Mullah wollte wissen, wie lange er schon darunter litt.
Die antwort des Mullahs: „Wie lange ich schon worunter litt?“

Oder kennen sie den?

„Mullah, warum beantwortest du jede Frage mit einer Gegenfrage?“
„Tue ich das?“

Beiden Pointen gemein ist die Unfähigkeit des Betroffenen, sein eigenes Muster zu überblicken, und statt dessen gerade in der Infragestellung den Beweis der Richtigkeit der Grundaussage zu liefern.

Die Vorstellung, wie etwas zu sein habe, kann weiser, planerischer Vorausschau entsprechen, wie sie das tägliche Brot von Designern, Staatsmännern und „Lebensentwerfern“ jeder Couleur darstellt. Kollidiert jedoch die eigene Selbststilisierung mit der eines anderen, ist guter Rat teuer.

Als der noch junge Mullah – in diesem Falle war es wohl eher Dschuha – heiratete, meinte er, dass die Zeit gekommen sei, der Jungvermählten eine Art Gebrauchsanweisung im Umgang mit ihrem Gatten geben zu müssen. Er schob sein Mützchen weit in den Nacken und erklärte der Frau, dass sie daran erkennen könne, dass seine Laune zur Großzügigkeit tendiere und er Fragen aller Art sehr wohlwollend beantworten würde. Dann schob er sein Mützchen tief in die Stirn und erklärte ihr mit warnendem Unterton, dass dies ein Zeichen sei, ihn nicht zu reizen und noch weniger, mit törichtem Gerede zu behelligen. Die Frau entgegnete nach kurzer Pause mit über der Brust verschränkten Armen, dass sie bei dieser Haltung möglicherweise noch auf den Sitz seines Mützchens achten würde. Dann stemmte sie beide Hände auf die Hüften und meinte, dass sie aber bei dieser Haltung dafür keine Garantie geben könne.

Wer die tatsächlichen Familienverhältnisse in vielen Ländern der sogenannten islamischen Welt kennt, wird mir Recht geben, dass viele ihrer männlichen Bewohner dem Vorwurf, ihre Frauen zu unterdrücken, nur ungern widersprechen würden, da er wohl noch am nächsten an die allenfalls erträumten Verhältnisse, Herr im eigenen Haus zu sein, heranreicht.
Weitere Schilderungen der Familienverhältnisse im Haus Nasruddin geben tiefere Einblicke in das wohl bestgehütete Geheimnis orientalischer Männerrealität. So auch die folgende, bei der allerdings das Thema des Geschlechterkampfes nur zum erzählerischen Hintergrund gehört und glücklicherweise keinerlei Einfluss auf den Geschichtenausgang hat.

Nun war eben diese, seine Frau, nicht immer wirklich zufrieden mit dem Mullah. Eines der dauernden Streitthemen kreiste um des Mullahs kärglichen Broterwerb.
„Meine liebe Frau,“ beantwortete der Mullah eine besagtem Thema gewidmete Frage, „würde man Leute wie mich gebührend entlohnen, dann wäre diese Welt nicht so, dass sie Menschen wie mich bräuchte.“
Dies war eine der Antworten, für die ihn seine Frau ganz besonders zu lieben schien.
„Du kannst eigentlich gaaar-nichts,..“
meinte die Frau und fügte dann mit dem Ausdruck nachhaltiger Enttäuschung hinzu:
„…außer beten!“
Der Mullah nahm es als Herausforderung und entrollte im Hof seinen kleinen, häufig geflickten Teppich. Das Gebet fiel flehender aus als gewöhnlich, was einem höhnischen Nachbarn, der in Mullahs so etwas wie Schmarotzer sah, nicht entgangen war. Er warf im Augenblick größter Inbrunst einen kleinen Beutel Gold vor den Mullah.
Der Mullah dankte Gott für die spontane Hilfe, ging unverzüglich zu seiner Frau, um ihr die Leistungsvergütung für heftiges Beten zu überbringen, und der Nachbar, der eilends hinuntergegangen war, um seinen Goldbeutel in Sicherheit zu bringen, stand wenig später vor deren Tür, um den nur zum Scherz geworfenen Beutel nun von Nasruddin zurückzufordern.
Der Mullah meinte, dass er kein Wort von dem, worüber der Nachbar redete, verstünde, noch waren ihm irgendwelche Schulden, die er beim Nachbarn hätte, bekannt, womit der von Gott beschenkte ja nicht log.
Während der kleine Schatz im Lichte des Alltags hinwegschmolz, strebte der Nachbar einen aufwändigen Prozess an.
Der Tag, an dem Nasruddin bei Gericht vorgeladen wurde, kam, und Nasruddin wurde auf dem Weg zum Kadi von seinem Nachbarn überholt. Das ließ sich leicht erklären, denn der Nachbar ritt auf einem edlen Vollblut, während der Mullah den steinigen Weg zu Fuß gehen musste.
Als der Nachbar sah, dass dem Mullah gar nicht zum Lachen zumute war, erwachte von neuem sein Dünkel, der ihn zu allerhand geistloser Häme trieb, worüber allerdings nur er selber lachen konnte, weshalb wir sie uns an dieser Stelle auch ersparen.
Der Mullah schaute auf das Minarett des noch in weiter Ferne liegenden Gerichtsfleckens und sprach, wie zu sich selbst:
„Wem wird man wohl glauben? Einem, der hoch zu Rosse einreitet, oder einem, der staubbedeckt wie ein geprügeltes Tier vor dem Kadi erscheint?“
Der Nachbar, wie um zu unterstreichen, wie sehr er sich im Recht wähnte, überließ ihm den Hengst. Auf ähnliche Weise gelangte Nasruddin nach und nach in den Besitz des Nachbarns Turban, seines Mantels und dessen Zierdolches, während eine immer dickere Staubschicht den nebenhertrottenden Kläger einhüllte.
Der Kadi wollte vom Kläger wissen, worum es ginge und vom Beklagten, was er dazu zu sagen habe.
Nasruddin hob, als wolle er Verständnis für den Nachbarn erwecken, davon an, dass der Arme das ernste Problem habe, alles zwanghaft zu seinem Eigentum erklären zu müssen, wobei eine Drehbewegung in Stirnhöhe andeutete, dass man seinen Worten nicht unbedingt Gehör zu schenken habe.
Ob er das auch beweisen könne, fragte der Kadi Nasruddin.
„Oh ja, sonne der Gerechtigkeit. Frag ihn einfach nach irgend etwas von mir, nach meinem Pferd, meinem Mantel, nach…was noch?….ach ja, sogar nach meinem Turban oder, nur zum Beispiel, meinem Dolch.“
Der Kadi fragte, der Nachbar antwortete wahrheitsgemäß, und der Mullah war ein freier Mann.

Schlussbemerkung

Einem Text, der mit den Worten „ein freier Mann“ aufhört, bliebe nichts hinzuzufügen, wäre da nicht noch ein Resumé, das wir dem „Humor in der islamischen Welt“ schulden. Ein Thema birgt ein Versprechen, das vor der Schlussbemerkung nur unzureichend eingelöst wird.
Spätestens seit dem lächerlichen Karikaturenstreit und den unsäglichen Vermutungen über die geistige Zurückgebliebenheit islamischer Kulturen ist es an der Zeit, sich zu fragen, ob unser Interesse an verbindenden Elementen zum Orient vielleicht geringer ist als das an unüberwindbaren Unterschieden.
Den Nasruddin-Kenner verblüfft immer wieder die absolute Tabulosigkeit vor allem der traditionellen Geschichten. Es erstaunt ihn allerdings weitaus mehr, dass dieser Grad an Tabulosigkeit bei uns nicht nur unbekannt ist, sondern besonders von sogenannten „Islamexperten“, also von vermutet kompetenter Seite, der islamischen Welt gänzlich abgesprochen wird.
Um noch einmal auf die Physiologie des Humors zurückzugreifen, gilt es sich vorzustellen, dass es beim Humor um eine Art der Entgiftung zur Herstellung eines inneren (Säfte)-Gleichgewichts geht, ohne das der Mensch erkranken würde.
Dschuha, Dschohi, Hodja Nasrettin, Mullah Nasrudin, Af Fan Ti, Nastarik, Nasr ad Din, um nur die wenigsten Namen zu nennen, erfüllen diese Funktion der Entgiftung, ohne die keine Kultur überleben könnte, in gleicher Weise, wie es guter Humor überall auf der Welt tut.
Wenn es einen Unterschied gibt, zwischen den Techniken der „Entgiftung“ in Ost und West, unterscheiden diese sich jedoch kaum. Worin besteht wirklich der Unterschied, ob man einer Person wie Nasruddin Worte in den Mund legt, also ein Medium zwischenschaltet, oder einem Comedy-Akteur oder einer Karikatur? Und ist das TV-Gerät oder die Zeitung kein Medium?
Ein und die selbe Aussage aus Komödiantenmund oder im Straßenverkehr kann grundverschiedene Folgen haben. Was im ersten Fall zur Freiheit der Kunst erklärt wird, erfüllt möglicherweise im zweiten Fall den Tatbestand schwerer Beleidigung.
Der Orient glaubt an die Freiheit der weisen Narren, der Okzident an die der Presse und der Kunst. Bei einer gewissen Berücksichtigung der Rechtslage bleibt man in beiden Kulturen mit ein wenig Geschick
ein freier Mann.

Ende

Andreas Wald, Berlin 2004 und 2007

Dezember 20, 2007

From Box to Box

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Don’t weep.
The joy that has gone
will come `round again in another form –
Have no doubt about this!

A child’s first joy
comes from its mother’s milk;
After the child is weaned
his joy comes from drinking sweet wine.

This supreme joy has no resting place -
It enters one form then another,
from box to box – an eternal movement
between heaven and earth.

Here it comes, pouring down from the sky,
seeping into the earth,
and rising up again as a bed of roses.

Now it is water, now a plate of rice,
Now the swaying trees, now a horse and rider.
It lies within these forms for awhile
then bursts forth to become something new.

Isn’t this like our dreams? –
The body sleeps
while the soul moves on
to take other forms.
You say,
I dreamt I was a cypress, a bed of tulips,
the blossoms of roses and jasmines.

Then the soul returns, and you wake up –
the cypress is gone, the roses are gone.

I tell you truly,
everything you now see
will vanish like a dream.

I do not mean to trouble you, O friend,
with words so bold as these.
Perhaps you will only listen to God.
He speaks more gently than I.

But how will you ever hear Him with
All that blathering going on? –
Everyone is speaking about golden bread
yet no one has ever tasted it!

O my soul, where can I find rest
but in the shimmering love of his heart?
Where can I see the pure light of the Sun
but in the eyes of my own Shams-e Tabriz?

– Version by Jonathan Star
„A Garden Beyond Paradise: The Mystical Poetry of Rumi“
Bantam Books, 1992

Ein Rumi-Gedicht in englischer Übersetzung, sehr passend… Andy hätte es geliebt! – gefunden von Rashid

Bon voyage, wa ma salama, wa ishq bashad, Andy!

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Bon voyage, wa ma salama, wa ishq bashad, Andy!

Andy (forgive my English spelling), became one of my dearest friends since my caravan unexpectedly came to Berlin. We knew each other from Al-Andalus in 99. I will miss our meetings over coffee with cigarettes, and our even more frequent and rather long telephone conversations, at times lasting for hours and taking place during odd hours of day or night – and not a boring minute inbetween. He was an inspiring soul, forever young at heart, and truly multi-faceted. Andy could jump into different and unexpected roles – he was an older brother I never had, a fellow misfit artist and traveler who was at home in more than one culture – someone delighted to cross borders and build bridges. We also shared a common spiritual interest. But above all he was a wonderful storyteller with a great sense of humor, truly unique. He will be missed by many friends.

Rashid Al-Taliq

Dezember 19, 2007

NeverendingEffendi

Gespeichert unter: Uncategorized — endieffendi @ 5:38

Es gibt ein paar Zeilen des großen persischen Dichters und Mystikers Rumi, die wie für Andreas geschrieben sind:
 
Das Kreuz und die Christen erforschte ich, landauf, landab. Er war nicht am Kreuz. Ich ging in den Tempel der Hindus, zu der alten Pagode. Ich fand dort kein Zeichen von Ihm. In dss Hochland von Herat wanderte ich, und nach Kandahar. Nicht auf der Höhe, noch auf der Ebene sah ich Ihn. Entschlossen bestieg ich den Gipfel des Bergs Kaf. Dort fand ich nur den Platz des sagenhaften Vogels Anqa. Ich ging zur Kaaba nach Mekka. Er war nicht dort. Ich fragte Avicenna, den Philosophen, nach Ihm. Er war jenseits von Avicennas Erkenntnis … Ich schaute in mein eigenes Herz. Dort, an seinem Platz, entdeckte ich Ihn. Er war an keinem anderen Ort.
 
In den letzten Jahren waren Andreas und ich immer Nachbarn. Zuerst in Hamburg. Damals habe ich gerade versucht zu lernen, wie man allein mit einem Rollstuhl fährt. Das ist am Anfang nicht einfach. Andreas hat mir beim Einkaufen geholfen. Einmal gab’s einen Großeinkauf. Andy hat die fünf vollen Einkaufstüten getragen, und vor dem Supermarkt hab ich ihn gebeten, die Tüten alle hinten am Rollstuhl auf die Griffe zu hängen. Dann habe ich bemerkt, dass ich umkippe.
 
Andreas hat versucht, das zu verhindern. Aber ein Mann und ein Rollstuhl und fünf Taschen mit Saftflaschen und schwerem Zeug sind nicht zu halten. Andreas hat sich hinter mir fallen lassen, damit ich auf ihn falle und nicht auf den Asphalt.
 
Wir sind dann da erstmal ein bißchen liegengeblieben auf dem Supermarktparkplatz. Erstmal checken. Man brauchte da gar kein Wort darüber zu verlieren, wir waren ja Freunde. Ab und zu hat sich ein Passant erkundigt, ob er uns helfen kann, aber das haben wir jedesmal sehr höflich abgelehnt.
 
Dass bei ihm alles ok ist, konnte ich seiner Stimme entnehmen, als er sich erkundigt hat, ob bei mir alles ok ist. Nur allein mit seiner Stimme konnte Andreas einem den Arm um die Schulter legen.
 
Eine Zeit danach ist er nach Berlin umgezogen. Ich wollte auf keinen Fall nach Berlin, aber wie es so schön heißt: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach Pläne. Bald darauf war ich auch in Berlin. Und wir waren wieder Nachbarn. Die Stadt ist sehr groß, und über diesen Zufall habe ich mich sehr gefreut. Wir hatten unsere Freundschaft wieder im Freilauf. Weise Männer, die nie mehr als zwei Einkaufstüten an den Rollstuhl hängen.
 
Irgendwann hat Andreas mich mal angerufen. Wir haben natürlich öfter telefoniert und auch das war immer etwas Besonderes, weil man jedesmal Andys Gastfreundschaft in dem Palast aus Geschichten genießen durfte, den er zeitlebens gebaut und bewohnt hat.
 
Dieses eine Telefonat war merkwürdig. Nach einer Weile ist mir aufgefallen, dass das Gespräch keine Richtung hat. Das war ungewöhnlich. Als ich ihn darauf angesprochen habe, hat er gelacht und mir etwas gestanden. Ich wußte schon, dass er ein Logbuch führt, jeden Tag, seit vielen Jahren. Nun bekam ich erklärt, dass dieses Buch in drei Spalten beschrieben wird. In der breiten Mittelspalte wird das Tagesgeschehen verzeichnet, links profane wirtschaftliche Dinge und rechts in Form von Glossen die Telefongespräche des Tages.
 
Andreas hatte an diesem Tag noch kein Telefonat geführt, es gab also nichts einzutragen und er litt an dem leeren rechten Rand auf der Logbuchseite. Ich bin auch ein Mann der Schrift und kann gar nicht sagen, welchen Respekt mir diese heitere Strenge abgenötigt hat. Wir haben das Gespräch dann bald beendet. Es gab einen Moment, in dem wir beide spüren konnten, dass der Eintrag über das Gespräch jetzt die richtige Größe haben würde.
 
Jetzt sind wir wieder Nachbarn, diesmal für immer. Ich wohne ein paar Straßen von dem Friedhof entfernt.
 
Ein letztes Mal war vor ein paar Tagen, als wir zu Andreas und Gabriele auf die Intensivstation gekommen sind. Es war eine kalte Nacht draußen und ich hatte kalte Hände und habe versucht, sie warmzureiben, ehe ich Andy begrüße.
 
Gabriele sagte: Er wird dich wärmen. Und so war es auch. Und so war es doch immer mit diesem wunderbaren Freund. Er hat uns gewärmt.
 
NeverendingEffendi.

(Rede von Peter Glaser bei der Trauerfeier)

Dezember 18, 2007

Adios, amigo

Gespeichert unter: Uncategorized — endieffendi @ 11:35

Wer durch Berlin-Mitte geht und den Weg durch die Sophie-Gips-Höfe wählt, kommt dort an einem Schild vorbei, auf dem in erhabenen schwarzen Buchstaben auf gelbem Grund zu lesen ist „der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter“, und dazu der Name des Autors dieser Forderung: Bazon Brock.

Zu diesem Fachmann für nicht-normative Ästhetik ist Andreas Wald als junger Mann gepilgert und er war ohne Zweifel einer derjenigen, die seine Art zu denken und zu handeln prägten. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu erwähnen, daß Bazon Brock eigentlich nicht Bazon heißt. Es ist dies sein angenommener Spitzname, der im Griechischen „Schwätzer“ bedeutet und den er von einem seiner Lehrer erhielt, der damit seine Angewohnheit kommentierte, endlos erscheinende Monologe zu halten.

Ich lernte Andreas vor gut einem Viertel-Jahrhundert beim Gespräch über Bazon Brock kennen, und mir war bald bewußt, daß er mir in einigem voraus war – eigentlich eine absurde Situation, denn ich unterrichtete und er studierte an der Hochschule der Künste. Eine jener vielen zufälligen Notwendigkeiten hatte ihn dort hin geführt. Die Notwendigkeit einer Zahnbehandlung zog die Notwendigkeit einer Krankenversicherung nach sich, der Mangel an Geld führte zu einer Immatrikulation, die eine günstige Versicherung ermöglichte. Mit solchen und ähnlichen Manövern bewegte sich Andreas durchs Leben, und er wurde ein Meister darin, gesellschaftliche und ökonomische Zwänge so lange zu ignorieren, bis es unumgänglich wurde, sie zu umschiffen oder sich ihnen im äußersten Fall tangential zu nähern. Eine Steuer-Nummer erhielt er erstmals im Alter von fünfzig Jahren.

Ich habe damals einen wachen, vielseitig interessierten, blitzgescheiten, eloquenten und schlagfertigen jungen Mann kennengelernt. Er war sich dieser Eigenschaften sehr wohl bewußt und verstand durchaus, im Gespräch mit seinem Pfund zu wuchern. Doch war es immer ein Vergnügen, mit ihm im Gespräch zu sein. Wir hatten einige gemeinsame Interessen, uns einte das Mißtrauen gegenüber dem etablierten Blick, wir hatten ähnliche Zweifel an Konventionen, Dogmen und Normen. Wir sahen und diskutierten dieselben Filme und gingen doch kaum einmal gemeinsam ins Kino. Dort nebeneinander zu sitzen, wäre uns kitschig erschienen. Unser Lebensraum war für einige Jahre das Kaffeehaus.

Unsere Wege trennten sich, doch blieben wir stets im Kontakt. Unsere Interessen und Tätigkeiten entwickelten sich in unterschiedliche Richtungen, doch blieben uns die gemeinsamen Zweifel am etablierten Blick. Wir konnten ohne große Probleme ein vor Monaten unterbrochenes Gespräch fortsetzen, gerade so, also ob einer nur mal schnell zur Tankstelle gegangen wäre, um den Zigaretten-Nachschub zu sichern. Und nachdem Andreas zurück nach Berlin gekommen war, gingen wir wieder in kurzen Abständen zur Tankstelle.

Ich wurde Zeuge einer großen und stetig wachsenden Faszination für die Kulturen des Morgenlandes, der unser Freund in jungen Jahren auf seinen Reisen verfallen war, und ich wüßte ohne ihn weniger oder nichts über Islam, Sufismus und al-Andalus. Für ihn wurde diese Welt zur zentralen Angelegenheit. Er las und dachte, forschte, schrieb, lehrte und redete und redete über das Wissen, das er geschaffen hatte, und über die Fragen, die sich daraus ergaben. Wissen zu schaffen wurde sein Hauptberuf, und er kümmerte sich dabei wenig um die Gepflogenheiten des akademischen Betriebs. Er vernachlässigte auch das Zeichnen nicht und scherte sich dabei nicht im geringsten um den etablierten Kanon der Kunst. Mit Erfolg zu Markte tragen konnte er weder die Früchte der einen noch die der anderen Arbeit. Sein Talent hätte für zwei oder drei Karrieren gereicht, aber leider ist nicht einmal eine daraus geworden.

Man sagt in solchen Fällen dann leichthin „er war nicht geschaffen für diese Welt“, aber das ist allenfalls die halbe Wahrheit. Denn im selben Maße, in dem einer nicht geschaffen ist für diese Welt, ist eben diese Welt auch nicht geschaffen für ihn. Eine bessere Welt hätte Andreas ermöglicht, in der ihm gegebenen Zeit ein Werk zu verfertigen, anstatt Studien, Entwürfe und Fragmente anzuhäufen. In einer anderen Welt hätte er sich nicht damit begnügen müssen, um des schlichten, materiell anspruchslosen Überlebens willen für bescheidene Honorare anderer Leute Probleme abzuarbeiten. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Andreas war sich dessen bewußt, schon als er sich für dieses und nicht für ein anderes Leben entschied. Den unbedingten Willen zum selbstbestimmten Leben habe ich immer mit großem Respekt betrachtet. Daß auch das selbstbestimmte Leben einen Preis hat, mußte Andreas bitter erfahren. Das hat ihn – zum Glück – nicht eines besseren belehrt. Er hielt an seiner eigenen Bestimmung fest, und dies äußerte sich auch in einer Sorglosigkeit sich selbst gegenüber, der er, selbst wenn sie nur gespielt war, treu geblieben ist bis in seinen Tod.

Wir stehen vor einem gigantischen Fragment. Das Leben war nicht fertig, die Liebe war nicht fertig, die Arbeit war nicht fertig. Tausende sauber von Hand beschriebene Seiten stapeln sich in seiner jetzt verlassenen Wohnung, Spuren des aberwitzigen, an Wahnsinn grenzenden Versuchs, das eigene Leben mit all seinen Fragen und Erkenntnissen und in all seinen Verschlingungen im kulturellen Kontext zu verstehen, zu ordnen und zu beschreiben. Wir werden uns damit abfinden müssen, daß niemand jemals diesen Versuch in Gänze begreifen wird, für den Andreas wie beiläufig eine völlig neue Form erfand.

Wir verabschieden uns von unserem Freund, den wir wahrscheinlich alle als sehr komplexen Menschen erfahren haben. Mit jedem Freund von Andreas, den ich kennenlernte, lernte ich eine andere Seite von Andreas kennen, und mit jedem Freund, den ich ihm vorstellte, ebenfalls. Vielschichtig sind wohl sehr viele Menschen, aber bei den meisten fällt das nicht so auf. Wir werden ihn vermissen, seinen Witz, seine Klugheit, seinen Charme, seine Hilfsbereitschaft, seinen Humanismus. Zum Ende seines Lebens wurde er dafür noch einmal belohnt, indem er reichlich von der großen Liebe kosten durfte.

Wir wissen, daß der Tod nicht abgeschafft werden wird – er wird zusammen mit der Eintrittskarte fürs Leben nur im Doppelpack ausgegeben. Wir wissen, daß nicht der Tod die beklagenswerte Schweinerei ist. Zu beklagen ist, daß wir mit jedem Toten einsamer werden. Wir werden einsamer sein ohne Andreas, und deshalb trauern wir – um uns. Um unserer selbst willen müssen wir diese Trauer in Lebenslust verwandeln. Lasst uns feiern, daß wir das Vergnügen hatten, einige Zeit mit Andreas verbringen zu dürfen.

(Rede von Joachim Schmid bei der Trauerfeier)

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