Ein Text von Andreas aus seiner Zusammenarbeit mit dem Museum für Islamische Kunst Berlin:
Humor in der islamischen Welt
Es scheint zunehmend schwieriger zu werden, sich simple Themen zu stellen, ohne jedes einzelne Wort in seiner Bedeutung festzulegen und diese ebenfalls zu rechtfertigen. Was im Falle von Humor noch vergleichsweise leicht fällt, wird bei der Bezeichnung „islamische Welt“ inzwischen zu einer Gratwanderung. „Islam“, als Bezeichnung einer Religion, ist ein Begriff geistlichen Ursprungs. „Welt“, die Bezeichnung einer Hemisphäre, ist weniger geographisch als die einer Region, nicht ganz so umfassend allerdings wie die einer Welt, in der wir alle leben. Vor nicht zu langer Zeit hätte man darunter noch Länder verstanden, in denen eine Mehrheit der Einwohner für sich die Religionszugehörigkeit zum Islam beansprucht. Im folgenden Text soll diese, zugegebener Weise rein statistische und wenig aussagekräftige Bezeichnung, noch einmal genügen. Es geht schließlich doch nur um Humor.
A – Was ist Humor?
Das Wort, ursprünglich aus dem Lateinischen entlehnt, das eigentlich „Feuchtigkeit“ oder „Verflüssigung“ bedeutet, ist eine der latinisierenden Wortschöpfungen aus dem 16. Jahrhundert und galt damals als ein medizinischer Begriff. Es gehört zu meinen tieferen Absichten, ihm dort, in der Welt des Heilens, auch wieder zu seiner ursprünglichen Bedeutung zu verhelfen.
In der mittelalterlichen Medizin umfasste der Begriff den Gesamtfluss der Körpersäfte, deren Zusammenklang die vier Temperamente und deren weitere Mischformen ergab. Ihre Namen, heute noch geläufig, sind die Cholerik, die Phlegmatik, die Sanguinie und die Melancholie.
Ein Zuviel an überfließender Galle (Cholis) führt zu jähzornigen, cholerischen Reaktionen. Ein Zuviel an potenziell entzündbarem Schleim (Phlegma) zur Phlegmatik, zur Trägheit und Schwerfälligkeit. Eine Leichtflüssigkeit des Blutes macht den leichtsinnigen Sanguiniker aus (Sanguis = Blut) und gestaute Körpersäfte, die die Galle (Cholis) schwarz (melan) werden lassen führen zu Schwermut, in die Melancholie.
Fließen die Säfte in harmonischem Einklang, halten sich Jähzorn und Trägheit, Leichtsinn und Schwermut gegenseitig in Balance, spricht man von einem „guten Humor“, die Engländer bereits von ‚good humour’ seit dem 16. oder ‚sense of humour’ seit dem 17., wir Deutschen, mit eigener Bedeutungsfärbung und der französischen Betonung auf der zweiten Silbe, erst seit dem 18. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt war am Humor nicht wirklich etwas zum Lachen.
Der Aspekt von Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung bediente sich des Begriffs „Humor“ tatsächlich erst nach der Erkenntnis seiner Heilsamkeit. Seitdem wird die Erbschaft der vier Temperamente im Humor noch einmal sichtbar in der Typisierung:
Bösartiger Humor, scharfe Schadenfreude als einer aggressiven Form, zumeist gegen bereits ausgemachte Feinde, nie gegen sich selbst.
Schwerfälliger Humor, oft auch schwejksche Renitenz, scheinbar eher bereit zu unfreiwilliger Komik, häufig mit einer Selbstironie verbunden.
Leichtsinniger Humor, das berühmte stete Späßchen am Rande, auflockernd zwar, aber auch immer bereit, alles für einen Lacher aufs Spiel zu setzen.
Und schließlich der Humor der Verzweiflung, beißende Ironie, chronischer Zynismus, zerfleischender Sarkasmus, unabhängig von jedem Ziel.
Guter Humor ist das alles, mit wenigen Ausnahmen, nicht. Da bleibt es bei der medizinischen Bedeutung der „guten Säfte-Mischung“. Stimmt diese, könnte man meinen, hätte das Wort „human“ seinen Ursprung als „menschlich“ in der Erkenntnis des Humors, als dem allzu Menschlichen. Aber diese Behauptung wäre dann bereits ein Witz.
Und was ist ein Witz?
Nun, sicher auch mehr als das mitteldeutsche Abstraktum des althochdeutschen „wizzi“, „zu wissen“. Gewitzt ist jemand, der die Klugheit besitzt, etwas auf den Punkt, die Pointe, bringen zu können.
B – Gibt es Humor in der Religion?
Wer glaubt, im bisherigen nicht auf seine Kosten gekommen zu sein, was sein Recht zu lachen betrifft, bekommt es beim folgenden Thema mit einer, wenn auch nicht witzlosen Welt, so doch mit einer weitgehend späßchenfreien Sphäre zu tun: die Welt des Glaubens und der Religionen, dem Göttlichen aus menschlicher, im besten Falle staunender Sicht. Wobei wir der Fairness halber sagen müssen, dass wir das Religionsbild auf unsere vorderorientalische Glaubensherkunft aus Judentum, Christentum und Islam eingrenzen.
War der eine Gott der Juden noch ein zürnender, ein schweigender, ein wohlwollender, dann wiederum grollender Gott, beschränkte sich der Einklang zwischen Gott und Mensch eher auf Momente der Glorie, und auf uneingeschränkten Lobpreis durch seine Geschöpfe. Mit solch einem Herrn bestand gar kein Bedarf nach Himmel und Hölle. Ersteres war das Gelobte Land, Zweiteres sein Verlust.
Dies zumindest sollte sich unter den, ja zuerst ausnahmslos jüdischen Christen deutlich ändern. Gott wurde zum Lieben Gott, zumindest denen gegenüber, die ihn liebten. Für die, die mit der Attribuierung der Liebe etwas vorsichtiger waren, galt die nahtlose Übernahme des zürnenden und konsequent strafenden Gottes der Vorgänger. Für Erstere gab es den Himmel, für Zweitere die Hölle.
Die Muslime fanden dies alles erst einmal sehr in Ordnung, stießen sich auch nicht an der Attribuierung als „der Liebe“, wohl aber an der Familieneinbindung. Denn hier gab es eine Muttergottes, einen Gottvater, einen Gottessohn und einen stets geraden Haussegen, genannt der „Heilige Geist“. Das ging den Muslimen deutlich gegen das Verbot, sich ein menschelndes Bild zu machen. Ihr Gott war abstrakt.
Mit den Christen verband sie allerdings eine durchaus ähnliche Vorstellung von Himmel und Hölle, wenn sie auch in den Gründen dafür divergierten.
Auch ihre Hölle hatte ein Feuer, eine miese Brut, die für dessen Bereitstellung sorgte, die Kessel wartete, die Holzzufuhr gewährleistete und die Feuerzeuge bereit hielt.
Doch in einem unterschied sich die muslimische Hölle von der christlichen. An manchen Tagen fehlte es an Holz, dann waren alle Kessel belegt, und wenn, was auch nicht immer sicher war, alle zum Dienst erschienen waren, ging wieder mal kein Feuerzeug…
… womit wir bei einem waschechten muslimischen Witz angekommen wären.
Die Rolle des Humors in der islamischen Welt
Auch wenn ich in der Werbebroschüre eines Studienreisenveranstalters den Hinweis an Gruppenreisende gelesen habe, im Mullahstaat Iran nicht in der Öffentlichkeit zu lachen, da dies gegen den Islam verstieße, erinnere ich mich unter Gelächter eher daran, dass ich, lange bevor ich wusste, was ein Mullah sei, einen Mullah bereits sehr gut kannte und dies weitaus besser als den eines späteren irdischen Gottesstaates.
Für mich war der Begriff „Mullah“ Synonym für Gelächter, besonders in der Öffentlichkeit, und dieses ausschließlich seitens von Muslimen. Ich wuchs als Sohn deutscher Eltern in Sarajewo, der damals letzten erhaltenen Metropole der islamischen Welt in Europa auf, eingebettet in eine muslimische Nachbarschaft, mit der wir, nach dem zweiten Weltkrieg, weit mehr teilten als nur Haus und Küche. Meine Milchamme hieß Hafida und mein Milchbruder Selim.
Wenn man mir als Kind etwas erklärte, so war es mittels einer Mullah-Nasruddin-Geschichte, wie dieser, von bleibendem Wert:
Der bosnische Staatsrat veranschlagte die Steuer für den „Genossen“ Nasruddin. Mullah Nasruddin gab an, er habe all sein Vermögen in Getreide angelegt. Man hatte bereits vermutet, dass Nasruddin in illegale Börsengeschäfte verwickelt war und fragte weiter, was ihm das eingebracht habe. „Nun“, meinte Nasruddin, „Mehl.“. „Und das?“, insistierte man weiter. „Das wanderte ins Brot.“ „Und was geschah mit dem Brot?“ „Das steckt in meinem Bauch.“
Der Mullah nutzte im Gegenzug den Augenblick entstandener Stille, um sich nach einer Veteranenrente für Volkshelden zu erkundigen und verstärkte den Druck seiner Nachfrage damit, dass er etwas zu tun drohte, das er noch nie gemacht habe. Man gewährte ihm eine monatliche Summe von rund 800 Dinaren und fragte ihn, als sich die Stimmung etwas entspannt hatte, was das denn wäre, das er noch nie getan habe: „Arbeiten.“, war die Antwort Nasruddins.
Mein Taiji-Lehrer aus Shanghai kennt die absolut identische Geschichte von dem weisen Af Fan Ti. Drei chinesische Schriftzeichen, die keinen chinesischen Begriff ergeben, sondern lediglich die Umschrift eines uigurischen, heute westchinesischen Ehrentitels, der in der sogenannten islamischen Welt einen hohen Klang besitzt: Effendi.
Als Michael Gorbatschow nach den Abrüstungsverhandlungen 1985 in Paris bei einer Pressekonferenz nach der Aufrichtigkeit seiner Politik befragt wurde, antwortete er sehr erfolgreich mit einer Geschichte von Apandi Nastarik – so eine russische Namensversion: „Nastarik und sein Sohn sind mit einem Esel unterwegs, aber wie sie auch reisen, nie können sie es den anderen Recht machen: Einmal sitzt Nastarik auf dem Esel, einmal sein Sohn, einmal beide, einmal keiner. Schließlich trugen sie den Esel, um endlich ihre Ruhe zu haben.“
Als ich zur Zeit meiner Einschulung mit meinen Eltern nach Deutschland migrierte, lernte ich genau diese Geschichte in der Freiburger Grundschule kennen, als eine typische Arbeit des großen badischen Heimatpoeten Johann Peter Hebel, die wie keine andere das Wesen des Badeners gegenüber der Missgunst der Württemberger darstelle.
Dieser Mullah war Kosmopolit, lange vor der Erfindung des Begriffes „Globalisierung“. Nasruddin, der auf eine Unzahl Vorgänger anderen Namens von der iberischen Halbinsel bis zum malaiischen Archipel zurückblicken kann, gilt heute als so etwas wie der Eulenspiegel des Orients. Mir allerdings wurde Eulenspiegel als eine Art abendländischer Nasruddin vorgestellt. Es bleibt weniger die Frage, ob es so etwas wie einen spezifischen „islamischen Humor“ gibt, als eher, wie privat oder öffentlich sich der in beiden Kulturen identische „Säfteausgleich“ zeigt.
C – Vom großen Meister der „Narren“
Basierend auf der islamischen Mystik, doch nicht ihr allein, entstand die etwas ernüchternde Sicht, dass der Mensch, selbst der gläubige und manchmal auch gerade der Gläubige seiner Art nach einem abgerichteten Tier gleicht, das aufgrund von Strafe und Belohnung den sicheren Weg der Imitation gewählt hat, bis er weder zu eigenen Empfindungen, Gefühlen und noch weniger zu selbstständigem Denken in der Lage ist. Nun wäre dies nicht so schlimm, denn jedem sollte ein Recht auf Feigheit gewährt werden, hätte dieses nicht zur Folge, dass eine Gesellschaft von Angsthasen in den Wenigen, die sich noch ihres Verstandes frei zu bedienen in der Lage sind, nur verachtenswerte Narren sieht.
So kam es, dass viele der großen Denker nicht nur des Ostens sich gleich selber Narren nannten und es vorrangig dabei beließen, den Allerwelts-Feiglingen den Spiegel vor zu halten.
Nasruddin wäre dann so etwas wie ein Konglomerat dieser „Einsichtigen“, die tiefes Verständnis für die Gründe hegen, die den Durchschnittsmenschen dazu zwingen, in ihnen nur den Narren zu sehen.
Nasruddin ist, das steht fest, ein Meister, persisch ein Mullah, türkisch ein Hodscha, usbekisch ein Khwaiya. Sein Name, aus dem Arabischen „Nasr ad Din“ heißt nichts weniger als „Sieg der Religion“. Einige sagen, er habe tatsächlich gelebt, im 13. Jh., und entsprechend gibt es auch mindestens ein Grab, u.a. eins in Anatolien.
Andere sagen, er sei natürlich eine Erfindung, so wie jede Witzfigur, von Tünnes bis Klein-Fritzchen. Wieder andere meinen, er sei eine Mischung von beidem gewesen: sowohl ein Ansammlung vieler Meister, in einer Person zusammengefasst, als auch eine allgemein bekannte Größe, an der sich jeder Witz aufhängen ließ.
All dieses kann nebeneinander bestehen, und so gibt es raffinierte philosophische Weisheitsgeschichten neben obszönen Plattheiten. So gibt es die üblichen Möglichkeiten für Schadenfreude neben Einsichten, bei denen in uns, noch im Lachen, ein tieferer Hörer erwacht.
Lediglich über den Zweck seiner Geschichten, ihre Autoren und deren Absichten gehen die Meinungen weit auseinander. Das Spektrum reicht von einer vermuteten Weisheitsschule Zentralasiens, die zu der Erkenntnis gelangt war, dass unbequeme Wahrheiten, die, direkt ausgesprochen, vom Schüler als Kränkung aufgefasst werden könnten, sich unter Gelächter leichter ertragen ließen, bis zu der Erklärung, dass jede Vermutung, dass es sich bei diesen, seinen Witzen, um versteckte Lehrgeschichten handeln könne, abstrus sei und sie damit eher ins Reich der Legende gehöre, wenn auch, und darin ist man sich wieder einig, einer sehr schönen Legende.
Erstere, die Anhänger der Legende vom versteckten Sinn, sehen sich von Zweiteren eher bestätigt, denn würden diese Geschichten ihren Sinn gar zu leicht offenbaren, hätten sie ihr Ziel verfehlt. Zweitere, die Anhänger des Volkswitzes reinster Prägung, sehen bereits in dieser Reaktion wieder nur ein typisches weiteres Legenden-Element.
Der Mullah streute, nachdem er trockenes Brot gegessen hatte, die Unmenge übriggebliebener Krümel vor seinem Haus auf die Strasse.
Ein Nachbar, dem alles, was der Mullah tat, höchst merkwürdig vorkam, wollte von Nasruddin den Sinn all dessen erfahren.
Der Mullah antwortete, es hielte die Tiger fern.
Der Nachbar entgegnete, dass es hier doch gar keine Tiger gäbe.
Der Mullah darauf: „Kannst du mal sehen, wie es wirkt!“
Tatsächlich wird man es schwer haben, einen Mystiker des Ostens zu finden, dessen Lektionen nicht mit Nasruddin-Geschichten gespickt sind, und ebenso häufig wird man auf Nasruddin-Geschichten stoßen, die in ihrer dümmlichen Einfalt, über jeden Verdacht eines verborgenen Sinns weit erhaben sind.
Aber darin liegt der besondere Reiz der Geschichten. Sind diese Geschichten einfach nur dumm oder zeigen sie uns unsere eigene Dummheit? Manchmal ist es geradezu hilfreich, die Geschichten für dumm zu erklären. z.B. um sein Gesicht zu wahren:
Der Mullah meinte, einen einflussreichen Freund besuchen zu müssen. Er kam aber nicht am Türsteher vorbei, der ihn wissen ließ, dass sein Herr ausgegangen sei, er ihm aber gerne etwas ausrichten würde.
Der Mullah antwortete: „Sag ihm, dass er, wenn er das nächste mal das Haus verlässt, nicht vergessen solle, sein Gesicht mit zu nehmen. Am offenen Fenster kann so etwas ziemlich leicht wegkommen.“
Manche Bedeutungen verstecken sich an der Oberfläche, so dass sie dem, der sich aufs tiefe Graben eingestellt hat, gar zu leicht entgehen:
Der Mullah kreuzte mehrfach in der Woche mit riesigen Ballen Stroh auf seinen Eseln die Grenze.
Die Zöllner, der festen Überzeugung, es mit einem Schmuggler zu tun zu haben, durchsuchten das Stroh akribisch.
Manchmal, aus Zorn, nichts gefunden zu haben, verbrannten sie die Last und manchmal machten sie sie so nass, dass sie von den armen Tieren nicht mehr zu tragen war.
Doch der Mullah wurde reicher und reicher. Als er sich endlich zur Ruhe setzen konnte, fragte ihn ein Zöllner, was er nun wirklich geschmuggelt habe.
Der Mullah antwortete: „Esel!“
D – Zeitreise mit unserem Helden
Im nun folgenden werden wir uns auf die Reise an die Ursprünge der Nasruddin-Geschichten machen. Weniger an die Ursprünge der geschichtlichen Person, die uns ja lediglich durch Erzählungen bekannt ist, als auf die Suche nach weiteren Persönlichkeiten, aus deren Wurzeln sich der Ruhm des schließlich unvergleichlichen Meisters zusammen gesetzt hat.
Wir werden neue Persönlichkeiten entdecken und mit ihnen weitere Farben im Spektrum unseres Helden.
7. – 8. Jahrhundert
Bei den Umaijaden, der ersten großen arabischen und auch islamischen Dynastie – Islam war damals eine arabische Angelegenheit – lebte im südlichen Irak eine Person mit Namen Dajain (Dschuha) ibn Tabit. Die heute noch anhaltende Entzweiung zwischen den Sunniten und den Schiiten, den Gefolgsleuten Alis, nahm damals ihren Anfang. Während mit großer Spitzfindigkeit die Autorisierung der einen oder anderen Richtung erläutert wurde, reagierte Dschuha mit ungewohnter Gelassenheit:
„Die Sorge um mein tägliches Brot hat mir keinen Platz dafür gelassen, irgendjemanden zu lieben oder zu hassen!“
Weder denen, die sich für die Sunna, noch denen, die sich für die Schi’a entschieden hatten, gefiel diese Haltung. Man begann über Dschuha zu spotten, wobei sich Schiiten und Sunniten wiederum erstaunlich einig waren.
Der Theologe Ibn al Ghauzi schildert ihn als „durch seine hohe Vernunft absonderlichen Menschen, der, da immer missverstanden, von seinen Nachbarn mit der Zuschreibung drastischer Anekdoten verunglimpft werden sollte“, wie z.B. dieser:
Ein Gelehrter, der zu Dschuhas Freunden zählte, war gestorben. Alles, was Rang und Namen hatte, war zu seinem Begräbnis erschienen, denn man hoffte auf die Fürbitte des dahingeschiedenen Theologen. Da erhob Dschuha das Wort und verkündete mit von Tränen gebrochener Stimme:
„Wer wird jetzt noch einen Eid für mich schwören, wenn ich gelogen habe?
Wer wird mich jetzt zum Trinken auffordern, wenn mich bittere Reue überkommt?
Wer wird mich jetzt im Bordell auslösen, wenn ich wieder mal kein Geld habe?
Möge mich Gott selbst nun nie fehlleiten, jetzt, wo er mich Deines weisen Rates entzogen hat!“
Es ist erstaunlich, wie gewisse obszöne Gesten die Zeiten überdauern und die Grenzen verschiedener Kulturen geradezu spielend überschreiten:
„Kannst Du mit Fingern rechnen?“ Dschuha bejahte.
„Nimm zwei Sack Weizen!“ Dschuha knickte den kleinen und den Ringfinger um.
„Dann nimm zwei Sack Gerste.“ Dschuha knickte den Zeigefinger und den Daumen um. Der Mittelfinger blieb stehen.
„Warum denn das?“, man wich vor ihm zurück.
Dschuhas Antwort: „Damit der Weizen sich nicht mit der Gerste vermischt.“
Dies ist wohl noch die feinste einer Reihe von Geschichten, die, soviel sei verraten, Dschuha bald den Namen Abu al Ghusm, Vater des Pfurzes, einbrachten.
8. – 9. Jahrhundert
Als die Abbasiden, nach langem Bürgerkrieg, unter der Hilfe der Schiiten ihre Macht ausbreiteten, erlebten die Geschichten über Dschuha eine erste Verfeinerung, denn sie gehörten nun auch zum Zeitvertreib bei Hofe, wo sie als eine Form der freien Meinungsäußerung dienten. Wen wundert es da, dass Dschuha fortan zum Alter Ego gar mancher Trinkgefährten der Kalifen avancierte, wie z.B. des Dichters Abu l Anbas, der die abbasidischen Kalifen Al Mutawakhil und Al Mutamid mit Erzählungen in Form von Dschuha-Geschichten erfreute. Wenige sind erhalten, leider nur kurze, wie z.B. diese:
Jemand sagte zu Dschuha: „Schau einmal, da schleppen Leute wahre Schätze mit sich herum!“ Dschuhas Reaktion: „Was geht das mich an?“ „Aber man bringt sie zu Deinem Haus!“ Dschuha: „Was geht das Dich an?“
Als man Dschuha dabei erwischte, wie er vor Sonnenuntergang an Ramadan eine Mandel knacken wollte, und sie ihm vor Schreck zwischen zwei Steinen entglitt, fing sich der Ertappte schnell und philosophierte: „Gepriesen sei Gott! Vor kurzem noch hielt ich die Mandel für ein seelenloses Ding, doch nun weiß ich, dass auch sie dem Tod entflieht.“
Dschuhas kleiner Sohn wurde einst gefragt, wo sein Vater sei. „Der ist im Haus und belügt Gott!“ Erstaunt über die Antwort des Kleinen wollte man mehr wissen und der Sohn erklärte „Er sitzt die ganze Zeit vor dem Spiegel und preist Gott dafür, sein Antlitz und seinen Charakter so formvollendet erschaffen zu haben.“
10. – 11. Jahrhundert
Dschuha hatte es nun endlich zu literarischem Ruhm gebracht. Aus den Aufzeichnungen des Bagdader Buchhändlers Mohammed ibn Nadim gehen bereits gut verkaufte Bücher mit Anekdoten über Dschuha hervor.
Wenig davon ist erhalten. Eine Kostprobe haben wir doch:
Dschuha, der sich schon als Kind wenig Illusionen machte, wurde geschickt um Eier zu kaufen, zehn an der Zahl. Da er sicher gehen wollte, nicht übervorteilt zu werden, sah er es als gerechtfertigt an, sich seinen Anteil bereits abzuknapsen:
„Es sind zehn Eier und wir sind drei Leute. Also behält jeder von uns drei Eier, eines bleibt übrig, das nehme ich.“ Also aß er es.
„Jetzt besteht mein Anteil aus drei Eiern.“ Die aß er auch und zählte die Eier erneut und stellte fest, dass es sechs waren.
„Wenn diese Eier unter drei Leuten aufgeteilt werden, erhalte ich zwei.“ Die aß er und überlegte weiter: „Jetzt sind vier übrig. Jeder erhält eins und das übriggebliebene ist für mich.“ Das aß er und dachte wieder: „Mein Anteil von den drei Eiern ist eins“, und auch das aß er auf. Zu Hause platzte der Vater beim Anblick des Restes von zwei Eiern: „Du hast fast alle Eier aufgegessen und willst uns erzählen, das wäre dein Anteil gewesen?“
Dschuha antwortete, „Aber du hast mir doch beigebracht, dass, wer nicht rechnet, es nicht weit bringen wird?“
Noch im 10. Jahrhundert erreichten die Dschuha-Geschichten Europa, wenn auch erst einmal das arabische Andalusien und erschienen im Werk des Ibn Abdrabhihi „Die einzigartige Halskette“.
Doch dazu mehr, später im Raume der Alhambra.
12. – 13. Jahrhundert
Als auch im 12. Jahrhundert endlich die Dschuha-Geschichten in persischer Übersetzung vorlagen, in denen er Dschohi genannt wurde, und als Zeitgenosse des mystischen Dichters Sayyed Hamza im 13. Jahrhundert zu spiritueller Größe hochstilisiert wurde, avancierte er langsam zu dem uns bekannten Mullah. Hamza war ein großer Weisheitslehrer, der dafür bekannt wurde, dem persischen Sprachraum eine Kosmogonie bleibenden Wertes hinterlassen zu haben, hätte vielleicht sogar Freude an der folgenden Geschichte Dschohis gehabt, die ein Gespräch unter „Kollegen“ zum Thema hat. Auch hier erspare ich Ihnen wieder die allzu obszönen Geschichtenvarianten.
Hamza sagte eines Tages zu Dschohi: „Besteht Deine ganze Sicht der Welt eigentlich nur aus billiger Albernheit?“ Dschohi antwortete, „Ja. Wenn man eine Sache gut kann, ist das mehr als genug. Und was hast Du in Deiner Unvollkommenheit vorzuweisen?“ Der Sayyed antwortete: „Ich bin noch nie ans Ende meiner Vorzüge gelangt. Jede Nacht verlasse ich die Welt der menschlichen Wesen und Eurer Dimensionen und fliege an die Grenzen des ersten Firmaments. Dann greife ich durch es hindurch und berühre, was ihm zugrunde liegt.“
Dschohi entgegnete: „Berührt dabei deine Hand etwas von unendlicher Feinheit?“ Hamza nickte und versuchte fortzufahren. Doch Dschohi unterbrach ihn: „Und ich wundere mich jede Nacht im Schlaf, dass mich jemand an meinen Füßen kitzelt.“
13. Jahrhundert (Zentralasien)
Spätestens jetzt im 13. Jahrhundert vermischen sich die arabischen und iranischen Quellen Dschuhas und Dschohis mit den zentralasiatischen Nasr ad Dins und die Geschichten des einen tauchen in den Sammlungen der jeweils anderen auf.
Ein Beispiel:
Eines Tages sagte Timur Lenk, auch bekannt als Tamerlan oder Timur der Lahme, der Amir von Usbekistan, zu Nasr ad Din: „Molla, in den Tagen der Abbassiden hatte jeder der Kalifen einen Beinamen, wie ‚derjenige, den Gott erfolgreich macht’ oder ‚derjenige, der auf Gott vertraut’ oder ‚derjenige, der Gott Gefolgschaft leistet’ usw. Wenn ich einer von ihnen gewesen wäre, welchen Beinamen hätten die Leute wohl für mich ausgewählt?“
Nasr ad Din antwortete: „Bei Gott! Sie hätten Dir sicher den Beinamen ‚derjenige, vor dem wir Zuflucht bei Gott suchen’ gegeben.“
13. Jahrhundert (Seldschukisches Reich)
Und schließlich im seldschukischen Reich wurden sie zum unerlässlichen Erzählgut der Soldaten, reisenden Kaufleute und Basarhändler. Jede dieser Gruppen mag die nun folgende Geschichte etwas anders erzählt haben:
Nasreddin hatte einen kleinen Stand in einer Karawanserei bezogen und lauschte fasziniert den Angebereien einer kleinen Söldnertruppe, die sich in Schilderungen ihrer Kaltblütigkeit zu übertreffen suchten. Schließlich hielt ihn nichts mehr zurück, mit eigenen Heldentaten aufzuwarten: „Ich habe einmal mit meinem doppelschneidigen Schwert auf einen Streich ein Bein von seinem Besitzer getrennt. Mit einem Streich!“ Wer den Mullah kannte, war erstaunt, denn niemand hatte ihn je auf einem Schlachtfeld vermutet. Einer der Soldaten fragte verwundert: „Warum hast Du ihm nicht den Kopf abgeschlagen?“ Der Mullah: „Das hatte ein anderer vor mir schon erledigt.“
Vielleicht gründet hierauf auch das anatolische Sprichwort, dass der mutigste unter den Feiglingen der sei, der den toten Tiger als erstes tritt.
Es war die große Gabe des Meisters (Mevlanas) Dschelaluddin Rumi, Geschichten des Volksmundes eine tiefere Bedeutung zu entlocken. Rumis gedichtetes Werk der Mathnavi, eines vorrangigen Stücks Weltliteratur, wartet, sehr zur Verwunderung der zeitgenössischen Theologie, mit Nasruddin-Geschichten wie dieser auf:
Eine alte Dame hatte einen Adler gekauft. Irgendetwas gefiel ihr an dem Vogel nicht. Zum ersten konnte er nicht Stimmen imitieren, dann hatte er viel zu große Flügel, ganz zu schweigen von seinem hässlichen Hakenschnabel. Die Klauen waren ungepflegt und viel zu groß. Zu erst ging sie dem Ganzen mit einer groben Schere zu Leibe und als das arme Tier gänzlich verstümmelt war, vollendete sie ihr Werk mit einigen Tiegeln Farbe. Erst als eine gewisse Ähnlichkeit zu einem Papageien zu erkennen war, meinte sie zu dem geschundenen Tier: „Jetzt kommst Du einem schönen Vogel ein wenig näher.“
Für Rumi war diese, stets Dschuha zugeschriebene Geschichte eine der großen Lehren an den nach selbstständigem Denken suchenden Schüler, stets der Falle der „alten Dame Welt“, die ein Symbol für gesellschaftliche Normen war, zu entfliehen, solange es einen noch nicht die Flügel gekostet hat.
Wir sind im Konya des 13. Jahrhunderts.
(Nach kurzem Exkurs über den seldschukischen Minbar)
Kann auch die finale Wahrheit nicht hoch genug bewertet werden, entscheidet doch zumeist niedrigster Pragmatismus darüber, ob man sie auch erleben wird.
Nasruddins Einsicht beruht auf der Weisheit derer, die sich von der oberflächlichen Auslegung der Religion verabschiedet haben.
Wen nimmt es da wunder, dass sich der Ruf von Nasruddins Weisheit besonders auch bei dem einfachen Volke herumsprach.
Das Oberhaupt einer Gemeinde im anatolischen Konya hatte von des Mullahs geheimem Wissen erfahren, und man lud ihn ein, nach dem Freitagsgebet ein paar erleuchtende Worte an die Gläubigen zu richten.
Neben einer gehörigen Portion Überredungskunst sorgte eine ansehnliche Summe dafür, den Mullah vom Sinn dieser Berufung zu überzeugen.
Der Freitag kam, und der Mullah betrat den Minbar, den treppenartigen Aufbau, der in den Moscheen als Kanzel dient. es war mucksmäuschenstill. Der Mullah begann mit einer Frage:
„Wer von euch kennt Gott?“
Es blieb still, denn niemand wollte sich vor dem großen Meister blamieren, und der Mullah blieb still, als wartete er auf eine Antwort. und er blieb auch still, als er, nachdem keine Antwort gekommen war, seinen Mantel ergriff, um das Gotteshaus zu verlassen. erst im Eingang, im Aiwan, sagte er:
„Wie kann ich zu Menschen, die Gott nicht kennen über Gott reden?“
Dem Gemeindeoberhaupt gelang es, den Mullah davon zu überzeugen, dass die hohe Achtung vor dem Meister der Grund für das Schweigen war, und er am nächsten Freitag wieder kommen solle.
Der nächste Freitag kam, der Mullah kam und er begann erneut mit seiner Frage:
„Wer von euch kennt Gott?“
Dieses mal gingen alle Arme nach oben und bestätigendes Gemurmel bedeutete Nasruddin, es mit wahren Gottkennern zu tun zu haben. Der Mullah schien beeindruckt, nahm seinen Mantel und sagte wieder erst am Aiwan:
„Was kann ich Menschen, die Gott bereits so gut kennen, noch von Gott erzählen?“
Ein weiteres mal gelang es dem Gemeinde-Oberhaupt den Mullah vom Sinn und sicher auch der Einträglichkeit eines dritten Versuches zu überzeugen.
Und wieder stellte der Mullah nach dem Freitagsgebet seine Frage:
„Wer von euch kennt Gott?“
Man hatte sich abgesprochen. ziemlich genau die eine Hälfte der Arme ging nach oben, die andere blieb unten. Der Mullah nahm seinen Mantel und verließ die Gemeinde mit den Worten:
„Dann mögen die, die Ihn bereits kennen, denen, die Ihn noch nicht kennen, von Ihm erzählen!“
Spätestens seit diesem Augenblick, der selbstverständlich nur erzählerisch überliefert wurde, muss der Mullah eine so wichtige Rolle im seldschukischen Reich, namentlich unter den Derwischen und Geschichtenerzählern gespielt haben, dass die im 15. Jh. von Lami Celebi, einem Nachfahren Rumis, herausgegebene Sammlung seiner Geschichten aus Nasruddin den bis heute für die Türkei verbindlichen Volkshelden machte.
Lami Celebi, wie auch dessen Urenkel, dem berühmten Reisenden Evliye Celebi im 16. Jh., verdanken wir den Beginn der türkischen Nasruddin-Forschung, die den Mullah, türkisch den Hodscha, zur realen Person eines Meisters aus der südanatolischen Stadt Sivri Hisar erklärte und auch unfern, in der Stadt Akshehir das Grab des im 14. Jh. Verstorbenen ausmachte.
Nicht jede der patestehenden Regionen sieht sich mit dieser Zuordnung einverstanden. Das usbekische Buchara fährt ausgerechnet unseren Goethe als Geschütz auf, denn immerhin erklärte dieser im westöstlichen Diwan Nasruddin zum „launischen Zug- und Zeltgefährten Tamerlans“ und damit zum timuridischen Narren. Wie wenig Einfluss die Forschung und ihre Vertreter indes auf die Inhalte seiner Geschichten gehabt haben, geht aus der folgenden hervor, die zumindest in dieser Erzählversion aus Buchara stammt.
Es war Schneeschmelze in Turkestan. Der Oxus war zu einem reißenden Strom angewachsen. Ein Gelehrter wollte sich von Nasruddin übersetzen lassen.
„Wenn du keine Angst hast, dass du bei der Übersetzung verloren gehst“, antwortete Nasruddin.
„Dass dir bei der Übersetzung nichts verloren geht, muss es heißen. nicht du, sondern dir!“ meinte der spitzfindige Fahrgast und ergänzte:
„Ja, wer sich nicht mit den Feinheiten der Sprache auseinandergesetzt hat, hat sein halbes Leben verloren.“
Nasruddin schwieg eine Weile und bemühte sich dann um die Fortführung des Gespräches:
„Aber kann es nicht auch sein, dass wer sich nicht mit der Fähigkeit zu schwimmen auseinandergesetzt hat, jetzt möglicherweise gleich sein ganzes Leben verlieren wird?“
Der Gelehrte fragte entrüstet, doch auch nicht ohne Hohn, wie er die erhabene Fähigkeit der Linguistik mit so etwas lächerlichem wie dem Schwimmen vergleichen könne.
Nasruddin zog die Ruder ein und antwortete:
„Nun, der Grund liegt vielleicht darin, dass wir gerade sinken!?!“
In der türkischen Version wird selbstverständlich noch für die Rettung des Gelehrten Sorge getragen, doch dieser verlässt erst einmal an dieser Stelle unsere Geschichte.
Wir machen uns, wie bereits versprochen, in den westlichsten Teil der arabischen Welt auf und lauschen unter einem der hölzernen Dachornamente der Alhambra einer Dschuha-Geschichte, deren Variationen uns in kaum veränderter Form auch aus späteren Nasruddin-Sammlungen bekannt sein dürfte.
Eine der hervorragendsten Eigenschaften des Humors ist, dass es noch keine Mittel gibt, seine Verbreitung zu behindern. Er scheint sogar von jeder Behinderung zu profitieren. Die unterdrückten Witze, heißt es, seien die besten. Komik, heißt es weiter, sei nur die kürzeste Form der Kommunikation. Selbst ein ungewöhnlicher Gedanke überwindet mittels des Witzes vorgestanzte Denkschablonen:
Dschuha war bei Hofe, als der almohadische Sultan sich lauthals darüber beklagte, dass in seinem Lande niemand es mit der Wahrheit all zu ernst nähme.
„Ach weißt du, Majestät, das mit der Wahrheit ist so eine Sache. Es gibt die echte Wahrheit und die relative, und die Menschen versuchen immer von ihrer relativen Wahrheit auf die echte zu schließen…
…anstatt sich zuerst in echter Wahrheit zu üben und dann das Erlernte in der weltlichen Wahrheit anzuwenden.
Folglich nehmen sie es mit der von Menschen geschaffenen Wahrheit nicht so genau, da sie aus eigener Erfahrung wissen, dass sie lediglich eine Erfindung ist.“
Der almohadische Sultan, dem das alles unverständlich war, verkündete darauf laut:
„Papperlapapp, eine Sache ist entweder wahr oder unwahr. Dschuha, du machst es wieder zu kompliziert. Ich werde die Leute zwingen, die Wahrheit zu sagen und ihnen so viel Angst vor der Lüge beibringen, bis sie sich an die Wahrheit gewöhnen!“
Vom folgenden Tage an wurden vor den Toren von Meknes Galgen aufgestellt, und Herolde verkündeten, dass, wer immer Meknes betreten wolle, zuerst auf die Fragen des wachhabenden Offiziers die Wahrheit sagen müsse.
Dschuha trat als erster vor:
„Was ist der Grund eures Besuches?“ wollte der Wachhabende wissen.
„Ich komme, um gehängt zu werden“, war Dschuhas Antwort.
„Ich glaube dir kein Wort.“
„Dann habe ich gelogen, und ihr müsst mich hängen!“
„Aber dann wäre das, was du gesagt hast, ja wahr!“
„In relativem Sinne,“ antwortete Dschuha, „ja!“
Man ließ ihn durch.
E – Die Nasruddin-Therapie
Erinnern wir uns kurz des Versuchs vom Anfang, Humor anhand der Bedeutungsgeschichte des Begriffes zu definieren. Da ging es um die innere „Säftebalance“. Ist diese Balance gestört, was immer dann passiert, wenn Jähzorn oder Stumpfsinn, Leichtsinn oder Schwermut das Szepter übernehmen, zeigen sich unwillkürlich Probleme, unüberwindbar aus der Perspektive dessen, der den jeweiligen Stimmungen der Missbalance erlegen ist. Das einzige Mittel besteht dann darin, das jeweilige „Programm“ erst einmal herunter zu fahren und das „System“ neu zu starten, gegebenenfalls den Rat eines Fachmanns aufzusuchen, der die Aufgabenstellung auf den Punkt, bestenfalls auf eine gute Pointe zu bringen in der Lage ist.
Zum Mullah kam eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn. „Was ist dein Anliegen?“ fragte der Mullah, nun ganz in der Rolle des wissenden Ratgebers.
„Mein Junge isst von morgens bis abends Zucker, Unmengen an Zucker und kaum etwas anderes.“
„Was kann ich also für dich tun?“ fragte der Mullah im Ton ernster Anteilnahme.
„Bitte befehlt ihm ausdrücklich, mit dem Zuckeressen aufzuhören. Auf euch hört er vielleicht. Mein Verbot hat gar keine Wirkung. Es ist, als rede man zu einer Wand.“
Der Mullah bat die Frau, zu ihrem Erstaunen, in einer Woche wiederzukommen und, zu noch größerem Erstaunen, nachdem die Woche zu Ende war, ihm eine weitere Zeit zu lassen.
Als dann die Frau mit ihrem Jungen nach zwei Wochen wieder auftauchte, setzte der Mullah eine ernste Miene auf und sprach zu dem Jungen:
„Hör auf, solche Unmengen an Zucker zu essen!“
Und das war´s. Die Frau, die sich sicher mehr erwartet hatte, wurde gebeten, aufzubrechen.
Zwei Tage später kam sie zurück und bat den Mullah, ihm eine Frage stellen zu dürfen. Nasruddin gewährte Audienz.
„Wieso hat es zwei Wochen gebraucht, um dem Jungen das zu sagen, was ich ihm seit Wochen predige, und dieses auch noch mit Erfolg?“
Der Mullah sortierte sich und antwortete:
„Die Zeit brauchte ich, um herauszufinden, ob ich meinen eigenen Verbrauch an Zucker reduzieren kann, bevor ich den Genuss von Zucker einem anderen verbiete.“
Diese Geschichte hat deutlich die Runde gemacht. Kaum ein heutiger Pädagogikstudent, der sie nicht in der einen oder anderen Weise näher gebracht bekam, meistens allerdings in der Version von Mahatma Ghandi, einem glühenden Verehrer Nasruddins.
Eines zumindest haben die großen weltbewegenden Weisheiten mit den Pointen selbst billiger Witze gemein: beide verlieren deutlich an Wirkung durch häufige Wiederholung.
Der Mullah erhielt Besuch von einem Verwandten aus seinem Heimatdorf. Der hatte eine Ente dabei, die sie bald in eine reichhaltige Mahlzeit verwandelten, von der am Ende noch eine Menge übrig blieb.
Am nächsten Tag kam ein enger Freund des Verwandten. Der fragte, ob noch etwas von der Ente übrig geblieben sei. Der Mullah fertigte ein Ragout, und der Gast war zufrieden.
Der gleiche Vorgang passierte zu gleicher Stunde des nächsten Tages, mit einem Freund des Freundes, der immerhin noch eine Suppe vorgesetzt bekam.
Der Freund des Freundes vom Freund des Verwandten bekam am darauf folgenden Tage nur noch eine Schüssel warmes Wasser vorgesetzt. Entrüstet, was dies denn zu bedeuten hätte, antwortete ihm der Mullah gelassen:
„Was du für warmes Wasser hältst, ist in Wirklichkeit die Suppe von der Suppe vom Ragout von einer Ente!“
Sicher gibt es die eine oder andere Nasruddin-Geschichte, die auch vom Weitererzählen nicht gerade profitiert hat. Dennoch sollten wir im nächsten Fall gerade für diese Wiederholungen äußerst dankbar sein, denn es geht hierbei nicht nur um Geschichten, deren Ursprung in der islamischen Welt – beide aus dem Iran des 16.Jh’s – auf den ersten Blick verwundert, sondern auch um Witze, die jeder von uns als absolut zeitgenössischen westlichen Humor empfindet. Kennen sie den?
Der Mullah besuchte einen Kollegen und klagte über seinen zunehmenden Mangel an Erinnerungsvermögen. Der andere Mullah wollte wissen, wie lange er schon darunter litt.
Die antwort des Mullahs: „Wie lange ich schon worunter litt?“
Oder kennen sie den?
„Mullah, warum beantwortest du jede Frage mit einer Gegenfrage?“
„Tue ich das?“
Beiden Pointen gemein ist die Unfähigkeit des Betroffenen, sein eigenes Muster zu überblicken, und statt dessen gerade in der Infragestellung den Beweis der Richtigkeit der Grundaussage zu liefern.
Die Vorstellung, wie etwas zu sein habe, kann weiser, planerischer Vorausschau entsprechen, wie sie das tägliche Brot von Designern, Staatsmännern und „Lebensentwerfern“ jeder Couleur darstellt. Kollidiert jedoch die eigene Selbststilisierung mit der eines anderen, ist guter Rat teuer.
Als der noch junge Mullah – in diesem Falle war es wohl eher Dschuha – heiratete, meinte er, dass die Zeit gekommen sei, der Jungvermählten eine Art Gebrauchsanweisung im Umgang mit ihrem Gatten geben zu müssen. Er schob sein Mützchen weit in den Nacken und erklärte der Frau, dass sie daran erkennen könne, dass seine Laune zur Großzügigkeit tendiere und er Fragen aller Art sehr wohlwollend beantworten würde. Dann schob er sein Mützchen tief in die Stirn und erklärte ihr mit warnendem Unterton, dass dies ein Zeichen sei, ihn nicht zu reizen und noch weniger, mit törichtem Gerede zu behelligen. Die Frau entgegnete nach kurzer Pause mit über der Brust verschränkten Armen, dass sie bei dieser Haltung möglicherweise noch auf den Sitz seines Mützchens achten würde. Dann stemmte sie beide Hände auf die Hüften und meinte, dass sie aber bei dieser Haltung dafür keine Garantie geben könne.
Wer die tatsächlichen Familienverhältnisse in vielen Ländern der sogenannten islamischen Welt kennt, wird mir Recht geben, dass viele ihrer männlichen Bewohner dem Vorwurf, ihre Frauen zu unterdrücken, nur ungern widersprechen würden, da er wohl noch am nächsten an die allenfalls erträumten Verhältnisse, Herr im eigenen Haus zu sein, heranreicht.
Weitere Schilderungen der Familienverhältnisse im Haus Nasruddin geben tiefere Einblicke in das wohl bestgehütete Geheimnis orientalischer Männerrealität. So auch die folgende, bei der allerdings das Thema des Geschlechterkampfes nur zum erzählerischen Hintergrund gehört und glücklicherweise keinerlei Einfluss auf den Geschichtenausgang hat.
Nun war eben diese, seine Frau, nicht immer wirklich zufrieden mit dem Mullah. Eines der dauernden Streitthemen kreiste um des Mullahs kärglichen Broterwerb.
„Meine liebe Frau,“ beantwortete der Mullah eine besagtem Thema gewidmete Frage, „würde man Leute wie mich gebührend entlohnen, dann wäre diese Welt nicht so, dass sie Menschen wie mich bräuchte.“
Dies war eine der Antworten, für die ihn seine Frau ganz besonders zu lieben schien.
„Du kannst eigentlich gaaar-nichts,..“
meinte die Frau und fügte dann mit dem Ausdruck nachhaltiger Enttäuschung hinzu:
„…außer beten!“
Der Mullah nahm es als Herausforderung und entrollte im Hof seinen kleinen, häufig geflickten Teppich. Das Gebet fiel flehender aus als gewöhnlich, was einem höhnischen Nachbarn, der in Mullahs so etwas wie Schmarotzer sah, nicht entgangen war. Er warf im Augenblick größter Inbrunst einen kleinen Beutel Gold vor den Mullah.
Der Mullah dankte Gott für die spontane Hilfe, ging unverzüglich zu seiner Frau, um ihr die Leistungsvergütung für heftiges Beten zu überbringen, und der Nachbar, der eilends hinuntergegangen war, um seinen Goldbeutel in Sicherheit zu bringen, stand wenig später vor deren Tür, um den nur zum Scherz geworfenen Beutel nun von Nasruddin zurückzufordern.
Der Mullah meinte, dass er kein Wort von dem, worüber der Nachbar redete, verstünde, noch waren ihm irgendwelche Schulden, die er beim Nachbarn hätte, bekannt, womit der von Gott beschenkte ja nicht log.
Während der kleine Schatz im Lichte des Alltags hinwegschmolz, strebte der Nachbar einen aufwändigen Prozess an.
Der Tag, an dem Nasruddin bei Gericht vorgeladen wurde, kam, und Nasruddin wurde auf dem Weg zum Kadi von seinem Nachbarn überholt. Das ließ sich leicht erklären, denn der Nachbar ritt auf einem edlen Vollblut, während der Mullah den steinigen Weg zu Fuß gehen musste.
Als der Nachbar sah, dass dem Mullah gar nicht zum Lachen zumute war, erwachte von neuem sein Dünkel, der ihn zu allerhand geistloser Häme trieb, worüber allerdings nur er selber lachen konnte, weshalb wir sie uns an dieser Stelle auch ersparen.
Der Mullah schaute auf das Minarett des noch in weiter Ferne liegenden Gerichtsfleckens und sprach, wie zu sich selbst:
„Wem wird man wohl glauben? Einem, der hoch zu Rosse einreitet, oder einem, der staubbedeckt wie ein geprügeltes Tier vor dem Kadi erscheint?“
Der Nachbar, wie um zu unterstreichen, wie sehr er sich im Recht wähnte, überließ ihm den Hengst. Auf ähnliche Weise gelangte Nasruddin nach und nach in den Besitz des Nachbarns Turban, seines Mantels und dessen Zierdolches, während eine immer dickere Staubschicht den nebenhertrottenden Kläger einhüllte.
Der Kadi wollte vom Kläger wissen, worum es ginge und vom Beklagten, was er dazu zu sagen habe.
Nasruddin hob, als wolle er Verständnis für den Nachbarn erwecken, davon an, dass der Arme das ernste Problem habe, alles zwanghaft zu seinem Eigentum erklären zu müssen, wobei eine Drehbewegung in Stirnhöhe andeutete, dass man seinen Worten nicht unbedingt Gehör zu schenken habe.
Ob er das auch beweisen könne, fragte der Kadi Nasruddin.
„Oh ja, sonne der Gerechtigkeit. Frag ihn einfach nach irgend etwas von mir, nach meinem Pferd, meinem Mantel, nach…was noch?….ach ja, sogar nach meinem Turban oder, nur zum Beispiel, meinem Dolch.“
Der Kadi fragte, der Nachbar antwortete wahrheitsgemäß, und der Mullah war ein freier Mann.
Schlussbemerkung
Einem Text, der mit den Worten „ein freier Mann“ aufhört, bliebe nichts hinzuzufügen, wäre da nicht noch ein Resumé, das wir dem „Humor in der islamischen Welt“ schulden. Ein Thema birgt ein Versprechen, das vor der Schlussbemerkung nur unzureichend eingelöst wird.
Spätestens seit dem lächerlichen Karikaturenstreit und den unsäglichen Vermutungen über die geistige Zurückgebliebenheit islamischer Kulturen ist es an der Zeit, sich zu fragen, ob unser Interesse an verbindenden Elementen zum Orient vielleicht geringer ist als das an unüberwindbaren Unterschieden.
Den Nasruddin-Kenner verblüfft immer wieder die absolute Tabulosigkeit vor allem der traditionellen Geschichten. Es erstaunt ihn allerdings weitaus mehr, dass dieser Grad an Tabulosigkeit bei uns nicht nur unbekannt ist, sondern besonders von sogenannten „Islamexperten“, also von vermutet kompetenter Seite, der islamischen Welt gänzlich abgesprochen wird.
Um noch einmal auf die Physiologie des Humors zurückzugreifen, gilt es sich vorzustellen, dass es beim Humor um eine Art der Entgiftung zur Herstellung eines inneren (Säfte)-Gleichgewichts geht, ohne das der Mensch erkranken würde.
Dschuha, Dschohi, Hodja Nasrettin, Mullah Nasrudin, Af Fan Ti, Nastarik, Nasr ad Din, um nur die wenigsten Namen zu nennen, erfüllen diese Funktion der Entgiftung, ohne die keine Kultur überleben könnte, in gleicher Weise, wie es guter Humor überall auf der Welt tut.
Wenn es einen Unterschied gibt, zwischen den Techniken der „Entgiftung“ in Ost und West, unterscheiden diese sich jedoch kaum. Worin besteht wirklich der Unterschied, ob man einer Person wie Nasruddin Worte in den Mund legt, also ein Medium zwischenschaltet, oder einem Comedy-Akteur oder einer Karikatur? Und ist das TV-Gerät oder die Zeitung kein Medium?
Ein und die selbe Aussage aus Komödiantenmund oder im Straßenverkehr kann grundverschiedene Folgen haben. Was im ersten Fall zur Freiheit der Kunst erklärt wird, erfüllt möglicherweise im zweiten Fall den Tatbestand schwerer Beleidigung.
Der Orient glaubt an die Freiheit der weisen Narren, der Okzident an die der Presse und der Kunst. Bei einer gewissen Berücksichtigung der Rechtslage bleibt man in beiden Kulturen mit ein wenig Geschick
ein freier Mann.
Ende
Andreas Wald, Berlin 2004 und 2007