Indien war Themenschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse
Als Gastgeber waren die deutschen Messeausrichter und mit ihnen die Medien natürlich darum bemüht, besonders die indischen Autoren zu Wort kommen zu lassen. Als Gäste einer internationalen Messe ruhten die indischen Autoren im Gegenzug nicht, ein Bild globaler Intellektueller zu hinterlassen, deren intelligente Analysen genauso auch in Seattle, Kapstadt, Stockholm oder Barcelona hätten geschrieben werden können.
Wer etwas über Indien erfahren wollte, vor allem aber über den großen Traum eines irdischen Paradieses, musste sich schon an deutsche Autoren halten. Das ist übrigens nicht neu. Manchmal scheint das „wahre“ Indien eine deutsche Sehnsucht zu sein. Ein Herrmann Hesse schrieb so lange über das „wahre“ Indien, bis er es besuchte. War die Wirklichkeit daran schuld, dass er danach keine Zeile mehr über Indien verlor?
Heutige deutsche Autoren schreiben über ein Land, das sie bereist haben, zumeist zum ersten Mal zwischen 17 und 22 Jahren alt, und dessen Faszination deutliche Spuren hinterließ. Gleich drei deutsche Autoren erkundeten ihren Traum, fernab der Silikon-Wirklichkeiten Bangalores und Bollywoods, ein weiteres Mal. Alle drei Autoren kennen sich, zum Teil sogar sehr gut, und der bemühte Schreiber dieser Zeilen ist mit allen dreien befreundet, mit einem noch seit damals, aus Indien.
Die Indienfahrer der 60er/70er waren häufig untereinander bekannt, oder fanden nach wenigen Minuten Gesprächs eine beträchtliche Anzahl gemeinsamer Bekannter. Sie lebten Hesses Geschichte von den Morgenlandfahrern, die sich als Teil einer großen Karawane sahen, getrieben von der Sehnsucht nach der Nahtstelle von Dichtung und Wahrheit. Timmerberg, einer der drei Autoren, dichtete 1971: „Wem immer es einmal gelang / dass er in Märchen die Wahrheit sah / dem wurde die Wahrheit märchenhaft / und die Märchen wurden wahr.“
Das zog sie, wie viele vor ihnen in der Vergangenheit vor ihnen, wenn auch nur im Geiste, auf die vom Himalaya herausgestreckte Landzunge zwischen dem Indischen Ozean und der Arabischen See: das Indien eines Schopenhauers, Hermann Hesses, Heinrich von Morungens und, nun ja, eines Heinrich Himmlers, eine Projektionsfläche seit Urzeiten tradierter Religionen und Traditionen, die sich auf gegenseitigen Respekt geeinigt hatten, und dies auf hohem Niveau.
Schopenhauer, stellvertretend für große Teile aufklärerischer Philosophie, faszinierten die vier Veden, die das Bodenständige mit einem ganzen Panoptikum an Göttlichem verquickten, Herrmann Hesse die vier Lügen, von denen sich Prinz Siddharta befreien musste, um Buddha zu werden. Morungen suchte nach dem Grab des heiligen Thomas, dem Autor des Liedes von der Perle (bei I. Shah „der Königssohn“), und Heinrich Himmler dort gar nach den Wurzeln des Deutschtums.
Schopenhauer bereiste es lesend, Hesse, wie gesagt, erst nachdem er für seine akribischen Schilderungen Indiens den Nobelpreis bekam, Morungen standesgemäß auf einem Drachen (wir zählen das 13. Jhdt.), und Himmler war irgendwie beruflich am Reisen gehindert. Die heutigen drei Autoren haben aus diesen Indien-Reisen einen Beruf gemacht: Peter Pannke ist u.a. Indologe, Ilija Trojanow Reiseschriftsteller und Helge Timmerberg, auf Grund der Intervention des elefantenköpfigen Gottes Ghanesha, Klatsch-Reporter.
Einer ist vom Fach,
ist, wie erwähnt, Indologe, spricht Urdu und Hindi, liest Sanskrit in Devanaggari, erforschte als Musikethnologe die Universen der indischen Ragas und hat seinen Traum von Indien in vollen Zügen erlebt. Wer ihn in Berlin nicht als Freund der Tradition kennt, ist vielleicht Hörer seiner legendären Weltmusik-Sendung. Hier geht es um Peter Pannke, den Autor von „Sänger müssen zweimal sterben – eine Reise ins unerhörte Indien“.
Peters Indien, und das bedeutet die unvergleichliche Stärke seines Buches, verbindet den Jugendtraum von der Sitar-durchklungenen, Gopi-durchtanzten, Ganges-erbadenden, vielarmigen Mutter Indien mit der tatsächlichen heutigen Realität, in der es das ja alles immer noch wirklich gibt, wenn auch ein wenig jenseits der Frühbucher-Schnäppchenreise-Welt. Peter wohnt da bei „seinen Leuten“. Sein unerhörter Vorteil, so tief in die Seele Indiens eindringen zu können, an dem er den Leser freigebig teilhaben lässt, entstand nicht zuletzt durch die Adoption in eine alte brahmanische Musikerfamilie, die noch dazu die Essenz der klassischen Drupad-Musik verkörpert. Wer um die Stellung des Drupads, einer dem Quawali der Sufis des Industals verwandten Sangeskunst in der Tradierung indischen Urwissens weiß, mag sich ein Bild davon machen, was dies für einen Musikethnologen, der selbst ein Musiker ist, bedeutet.
Manchmal muss ein Gleichnis her, und das darf auch schon mal ein wenig hinken. Stellen wir uns eine jungen, afrikanischen Bantu vor, der in einer Missionsschule auf einer Schallplatte eine Geige gehört hat, sich trotz kaum zu überwindender kultureller Schranken nach Europa durchkämpft, um dort von Jehudi Menuhins Familie adoptiert zu werden, dieses zu einer Zeit, in der die Violin-Musik längst nicht mehr die erste Geige spielt und langsam in Vergessenheit zu geraten beginnt.
Peter Pannkes Buch, das den Text bietet, von dem die meisten Indienreisenden seiner Generation allenfalls die Überschriften herbeten konnten, ist so etwas wie die Schilderung dieses Bantus an seinen Stamm. Es bleibt zu hoffen, dass ihm die Bantus, wenn schon keinen Glauben, so doch ein waches Gehör für das Unerhörte schenken. Während ich dies schreibe, bangen wir um den Erhalt von Peters Sprachzentrum (siehe Artikel „geDANKEn“). Ich vertraue weiter auf den Titel des Buches: „Sänger müssen zweimal sterben“.
…einer bekommt die Preise…
Der zweite wichtige Beitrag stammt aus der Feder eines waschechten Literaten. Die Liste von Ilija Trojanows Preisen liest sich wie der Katalog deutscher Literatur-Ehrungen. Kein Wunder, dass sein Indienbeitrag „Der Weltensammler“ bereits vor der Frankfurter Buch-Messe den Preis der Leipziger Buchmesse abräumte und ihm das Wohnrecht in der ehemaligen Feuchtwanger-Villa an den Pacific Pallisades in L.A. einbrachte.
Sieht man Ilija nicht bei Peter Pannke, in dem er so etwas wie einen Meister gefunden hat, so sind es die üblichen Literatursendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Neulich, in einer über die Möglichkeiten des deutschen Sprachgefühls, kam die Rede darauf, welche Wunder uns das Geschenk der Muttersprache beschert, und Jutta Limbach, die Bundesgerichts-Präsidentin, schwärmte von Ilijas Finessen, als dieser, etwas verschämt lächelnd, zu bedenken gab, dass er Bulgare sei und deutsch in der Schule gelernt habe. Schweigen.
Auch Ilija hat seinen Traum wahr gemacht und ein Buch geschrieben, für das er sechzehn Jahre recherchiert hatte. Er war, mit der richtigen Adressenliste, nach Indien gereist und hatte daraus im Vorfeld gleich mehrere lesenswerte Indienbücher gemacht, jedes mit einigen Jahren Abstand geschrieben. Dann trat er zum Islam über, was für Bulgaren weit ungewöhnlicher ist als für Deutsche und schrieb auch darüber ein Buch. Ein weiteres, gepriesenes über die Pilgerfahrt nach Mekka sollte folgen und nun sein literarischer Langzeittraum:
„Der Weltensammler“, ein Roman, inspiriert durch die Biographie von Sir Richard Francis Burton, der, statt als britischer Kolonial-Offizier den herablassenden, rassistischen Gepflogenheiten der Ostindien-Kompanie zu frönen, zuerst Hindu, dann Moslem und schließlich Sufi geworden war. Burtons Qasiden lesen sich, als wären sie aus einer ausdrucksstärkeren Sprache ins Englische übersetzt, obwohl sie niemals anders als englisch gedichtet worden waren. Burton sammelte eben nicht Reiseziele, Sprach- und Kultur-Kenntnisse, sondern gleich die Lebenswelten, die sich mit den verschiedenen Zivilisationen verbinden.
Kein Wunder also, dass der Bulgare, der als ein deutscher Sprachheroe gilt, an Burton einen Narren gefressen hatte. Leider kam der sufische Anteil am reichen Leben seines großen Vorbilds zu kurz, hatte er doch über dieses Thema noch keine Recherche-Bücher geschrieben. Doch keine Sorge, Burton war älter als Trojanow, als er die Qirka der Chishties bekam, und mancher der Leser mag sich erinnern, dass es eine Weile brauchte, zu bemerken, dass es sich bei Derwischen nicht allein um pittoreske, tanzende Silhouetten vor orientalischen Skylines handelt.
Gerade hat der Wind die für den Begriff „Dank“ aufgeschlagene Seite meines ältesten etymologischen Wörterbuchs verblättert, und mein Blick fiel zufälligerweise auf den Begriff „Dolmetscher“. Er wird dem Bulgarisch der türkischen Bulgaren zugeordnet und hieß ursprünglich Tilmezi. Bei den osmanischen Sultanen galt das Sprachgenie ihrer bulgarischen Glaubensgenossen als sprichwörtlich. Na dann.
…und einer verkauft sich gut.
Mit dem dritten deutschen Indienträumer hält neben dem wandelbaren Zeitgeist auch ein gewisses Gefühl von Peinlichkeit Einzug in unser Dreigestirn. Nichts gegen Helge Timmerberg. Er gilt als die deutsche Variante des amerikanischen „Gonzo-Journalisten“ Hunter S. Tompson und, in seinem subjektiven Schreibstil, als Vorbild einer strebsamen Generation junger Journalismus-Schulen-Abgänger.
Das Peinliche, das mit seinem Bestseller „Shiva Moon“ einhergeht, erklärt sich wohl eher daraus, dass ich ihn mit 18, auf meiner Indien-Erstbereisung, in einem Ashram am Fuße des Himalayas getroffen hatte, und wir seitdem befreundet sind und vor allem befreundet blieben, obwohl unsere Biographien gar nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Dabei hatten wir vor über 30 Jahren den gleichen Traum, waren, ähnlich Peter Pannke, Flüchtlinge aus einer Umgebung, die neben der Entscheidung zwischen Drogen und Weltrevolution wenig nennenswerte Alternativen aufzuweisen schien.
Wir landeten, unabhängig von einander, auf dem Grundstück eines damals erst 13-jährigen indischen Wunderkinds, das von Hardwar/Rishikesh aus die Welt mit Licht zu überschütten versprach und es heute, dank seiner Liebe für Supersonic Jets, zumindest bis ins Guiness-Buch der Rekorde geschafft hat: mit 28 Umrundungen des Erdballs im selbstgesteuerten Privatjet. Aber auch das ist nicht das wirklich Peinliche, denn der Guru kommt in dem Buch nicht einmal vor.
Auch nicht, dass – wie könnte es anders sein – einige gemeinsame Erlebnisse in meiner Erinnerung sich stark von seiner Schilderung unterscheiden. Es ist sogar eher belustigend, als peinlich, wenn er meine eigenen Textzeilen von „innerer Stimme verkündet“ gehört haben will – ist ja fast ein Kompliment. Eher schon staunte ich nicht schlecht, zu erfahren, dass mittels Leserforschung von ihm herausgefunden wurde, dass seine Zielgruppen an indischer, sowie überhaupt orientalischer Spiritualität uninteressiert sind und dass er in vorauseilendem Gehorsam diesen essenziellen Ausgangspunkt seiner Reise deshalb gleich ganz unter den Teppich fallen ließ.
Ich muss gestehen, dass ich das Buch trotzdem verschlungen habe, zeitweise allerdings in der naturgegebenen Bereitschaft, sich auch mal unter seinem Niveau zu amüsieren. Es geht neben der floskelhaften Andeutung einer Reise von der Gangesquelle zur Mündung des Stroms im Indischen Ozean, hauptsächlich um Zahnschmerzen.
Es war schön, Passagen über den lange Jahre von mir auch aufgesuchten gleichen Zahnarzt in Hamburg zu lesen, ein bemerkenswertes Exemplar seiner Art, und die Erklärung der Karma- Inkarnationslehre am Beispiel des Playboychefs Hugh Hefner hat durchaus „Grölfaktor“, aber ich frage mich, ob sich der Autor an den Traum, auf dessen Spuren er zu wandeln vorgibt, noch wirklich erinnert.
Zwar hat der Mann gelernt, die Lacher auf seine Seite zu bringen, und den Leser darin zu bestätigen, dass die Inder in ihrer Jenseitsbezogenheit schon ein furchtbar ulkiges Völkchen seien und zu beschreiben, wie sie ticken – wären nur die Zahnschmerzen nicht gewesen – schon eine urkomische Sache wäre, aber wo bleibt sein Traum? Helge ließ das Klischee des Indienreisenden, nicht aber seinen eigenen Traum genüsslich gegen eine vorgegebene Wand knallen, wie in einem Auto-Crashtest in Zeitlupe.
Und seine eigene Sehnsucht, die ihn bis heute mit Indien verbindet? Ach ja, Leserumfragen hatten ja ergeben, dass diese wie Blei in den Buchhändlerregalen liegen bleibt. Helges Buch aber wurde über 15 000 mal verkauft, und das allein in der Woche seines Erscheinens. Glückwunsch!
Andreas Wald, 29. Oktober 2006
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