Zwei Rezensionen von Büchern von Navid Kermani:
Gott ist schön
Navid Kermani, „Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran“, C. H. Beck Verlag, München 2000
Es waren genau drei Dinge, die mich verwunderten, als ich von Kermanis Buch das erste mal hörte: der fast einfältig wirkende Titel, der sonst eher für Gesetzestexte bekannte Verlag und sein enormes Volumen von 546 Seiten.
Es braucht acht bis zwölf Seiten, bis einem in der Badewanne die Lesebrille so sehr beschlägt, dass ein Zeichen gesetzt wird, das Buch zur Seite zu legen und nun die verbleibenden Teile des Körpers einzutauchen. Ich habe cirka 78,6 dieser Bäder genommen, bis ich Kermanis hochprämierte Dissertation durchgelesen hatte. Da das Buch als Hygiene-Artikel meine Haut etwas auslaugte, wenn es auch meinen Geist nachhaltig parfümierte, kam nach der Lektüre erst einmal eine Ruhepause für die Haut, in der ich nur noch duschte. Doch kein mir bekanntes Buch des letzten Jahres war so hervorragend geeignet, ganz in den Lesefluss einzutauchen und dies mehrere Monate zu immer der gleichen Zeit.
Im fast artigen Stil demütiger Wissenschaftlichkeit berichtet Kermani in sechs Kapiteln über die Vielfalt von Reaktionen auf die Offenbarung des Koran bei seinen ersten Hörern.
Von bitterem Neid auf die poetische Ausdruckskraft auf Seiten meccanischer Dichter, bis hin zum Tod aus Freude über die sich selbst aussprechende Wahrheit auf Seiten verzweifelter Sinnsucher ist die Rede. Ich las ein Buch über das Bücher hören, denn wer damals las, las laut, nicht nur für die des Lesens Unkundigen, sondern auch weil sich die sprachliche Schönheit des Koran erst im vollendeten Umgang mit der eigenen Stimme offenbart.
Das Wissen darum mag in der islamischen Welt noch weitverbreitet sein, wenn auch nicht immer die damit verbundene Erkenntnis, dass es in erster Linie die Schönheit war, die die Herzen der Gläubigen für den Islam gewann.
Kermani beschreibt im ersten Kapitel „Die ersten Hörer“ eine Zeit, zu der es in Mecca Mode war, die Verse der besten Dichter an der Kaaba aufzuhängen. Eines Tages wagten es die Freunde des Propheten, den Beginn der zweiten Sure auszustellen, als der Dichterfürst Lapid, der Liebling von Mecca, vorbeikam und über solche Art Unverfrorenheit spottete.
Man bat ihn, den Text laut zu lesen. Lapid musste die Lesung aufgrund tiefer Ergriffenheit unterbrechen, worauf er noch vor Ort das Glaubensbekenntnis ablegte. Was folgt, sind hundert Seiten Zeugnisse der sprachlichen Macht niedergeschriebener Verkündigung.
Im zweiten Kapitel widmet sich Kermani der Frage, ob man den Koran mit Recht ein poetisches Werk nennen darf, denn Poesie sei ja eine menschliche Schöpfung. Er zitiert Quabbani: „Als Gott zum Menschen sprechen wollte, wählte er die Poesie, die wohlklingende Weise, das schöne Wort, den anmutigen Vers. Es hätte in seiner göttlichen Macht gestanden, dem Menschen zu befehlen: Glaube an mich! und der Mensch hätte geglaubt. Aber er hat es nicht getan. Gott wählte den schöneren Weg, das edlere Mittel. Er wählte Poesie.“
Hier im sprach-analytischen Teil des Buches argumentiert Kermani für einen Muslim selbst sufischer Tradition etwas ungewöhnlich, streng in der Dialektik eines Walther Benjamin und Theodor W. Adorno. Die Verwendung des kritischen Diskurses zur Erleichterung des Verständnisses des Koran gelang meisterlich.
Sein drittes Kapitel, dem „Klang des Koran“ gewidmet, beginnt der Gelehrte mit einem Rilke-Zitat: „Bestürze mich, Musik, mit rhythmischem Zürnen.“
Tajwid nennt sich eine islamische Wissenschaft, die sich ausschließlich dem „Klang der Offenbarung“ widmet, „so wie er sich dem Propheten eröffnete“, der, der Überlieferung nach, stets vom Erzengel Gabriel in Stimmbildung und Intonation unterrichtet wurde.
Nach streng muslimischer Auffassung ermöglicht erst der richtige Klang das Eindringen in die wahre, die innere Bedeutung.
Im vierten Kapitel geht es um „das Wunder“ des Zustandekommens des Koran. „Wohl eine Zauberkraft muss sein in dem, woran bezaubert eine Welt so hängt, wie am Koran.“ heißt es bei Friedrich Rückert, und eine Hadith geht auf die Frage an den Propheten ein, worin die Insignien seiner prophetischen Macht bestünden. Der Prophet antwortete: „Was mir gegeben wurde, sind nichts als die Worte, die mir Gott offenbart hat, und ich hoffe, dass ich am Tag der Auferstehung größte Gefolgschaft haben werde.“ Eine allein dem Wunder des Zustandekommens des Koran gewidmete Wissenschaft ist der Ighaz.
Kapitel fünf gilt dem „Propheten unter den Dichtern“, wobei es sich im Titel um die Umkehr eines Sakrilegs handelt, denn es gilt als verpönt, Mohammed den „Dichter unter den Propheten“ zu nennen. Kermani argumentiert in abendländischer Tradition mit Kierkegard, dass die Rückstufung religiöser Texte auf ihren künstlerischen Reiz „… aus einem Apostel nicht weniger und mehr als ein Genie macht, doch dann: Christentum gute Nacht!“
Neben einer Einführung in die Sira, die Wissenschaft vom Prophetenweg, bringt Kermani Zitate deutscher Philosophen, wovon namentlich ein Zitat von Nietzsche einem das Staunen über so viel Verständnis für prophetische Offenbarung abringt.
Das sechste und wohl auch ergreifendste Kapitel schildert „das Hören der Sufis“, das er mit der Aussage des surrealistischen Philosophen André Breton, „die Schönheit wird wie ein Beben sein, oder sie wird nicht sein.“ eröffnet, und sich im weitesten Teil des letzten Kapitels mit dem Werk Abu Ishak at Talabis, „Das Buch der vom erhabenen Koran getöteten“ auseinandersetzt. Hier ist von der Sama, der Wissenschaft vom Hören des Koran die Rede und von der Furcht vor der Wahrhaftigkeit, die auch Mohammed durchlitten haben soll. Keiner, so heißt es, zu dem Gott gesprochen hat, kann ohne tiefe Furcht weiterleben, dass dieses wiedergeschehen könnte. Hier lesen wir neben einer Gesundheits-Warnung Ibn Arabis, den Koran „nicht ohne gefestigten Atem zu studieren“ ein aufschlussreiches Resumé Suhrawardis aus dem zwölften Jahrhundert unserer Zeitrechnung: „Und man sagt, das Hören (sama) lässt hervortreten, was an Freude und Trauer, Furcht, Hoffnung und Sehnsucht im Herzen verborgen ist. Manchmal bringt es einen zum Weinen, und manchmal setzt es einen in Verzückung. Und man sagt, das Hören berührt im Menschen alle Elemente, so dass er manchmal weint und manchmal schreit, manchmal klatscht man in die Hände, manchmal tanzt man, und manchmal wird man bewusstlos.“
Andreas Wald, 2002
Das Buch der von Neil Young Getöteten
Navid Kermani, „Das Buch der von Neil Young Getöteten“, Ammann Verlag, Zürich 2002
Gerade, wenn einem das Buch eines bestimmten Autors die Augen, manchmal auch die Ohren geöffnet hat, wartet man gespannt auf die Ankündigung eines weiteren.
Ich hatte Navid Kermanis Meisterwerk „Gott ist schön“ gelesen und brauchte Kermani-Nachschub.
Während eines seiner zahlreichen Vorträge, die er im Rahmen seiner Lehrtätigkeit am Wissenschaftskolleg in Berlin ableistet – es ging um das Selbstmordverbot im Islam – wurden endlich Titel und Erscheinungsdatum seines neuen Buches angekündigt: „Das Buch der von Neil Young Getöteten“, Zürich, September 2002.
Ich war seltsam befremdet, den Titel zu hören und verwundert, dass sonst niemand an diesem Titel etwas ungewöhnlich zu finden schien. Nun endlich ist das Buch da, ich habe es gelesen, und, obwohl ich genau begriff, worauf es Kermani ankam, hat mich dieses verwunderte Befremden noch immer nicht ganz verlassen.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Nur wenige Wochen nach ihrer Geburt wird Kermanis Tochter von schweren Bauchkrämpfen heimgesucht. Drei-Monats-Koliken ist der lapidare Fachbegriff für einen Dauerschreikrampf, der nur eines der vielen Dinge ist, die Eltern unvorbereitet treffen. Der junge Vater legt eine alte Platte von Neil Young auf, worauf das Kind sofort einschläft. Erstaunlicherweise geschieht dies ausschließlich bei der Musik Neil Youngs.
Im Pressetext beginnt hier für Kermani und sein Töchterchen eine Reise durch den Kosmos eines kanadischen Kultmusikers. Für den Kenner von Kermanis erstem Meisterwerk ist Neil Youngs Musik nur eine Allegorie für den hilfesuchenden Versuch des Menschen, sich mittels ekstatischer Wiederholungen dem schmerzhaften Zugriff des Lebens zu entziehen.
Doch warum ausgerechnet anhand der Musik von Neil Young?
Kermani: „… da er sich so restlos und auch besonders den Stimmungen hingibt, die von der Erhabenheit am entferntesten sind, der Schwäche, dem Neid, den Schuldkomplexen. Dass Neil Young sich mit der Melancholie nicht aufhält und sich gleich in die Verzweiflung und den quälenden Katzenjammer stürzt, das kenne ich in vergleichbarer Radikalität nur aus der frühislamischen Askese.“ (Neil Young: „helpless; helpless, helpless, helpless!“)
Kermani beruft sich auf Hassan al Basri, den großen Sufi, demnach man die Welt in ihrer ganzen Boshaftigkeit empfinden muss, um sie zur Glückseligkeit transzendieren zu können, „… sowie erst das rückhaltlose Empfinden der göttlichen Ferne die momentane Vereinigung mit ihm zu
erlauben scheint.“ – und zitiert dann Al Halladschs legendäres „Das Leiden ist er selbst!“
Wer Derwischzirkel in ihren orientalischen Heimatländern erlebt hat, wird sich über Kermanis Vergleich mit den verrückten Musikern um einen epileptischen Leadgitarristen nur wenig wundern.
Die Befremdung, die mich beim Lesen dieses Buches nicht losließ, war eher, dass er sich unter allen zeitgleich bekannt gewordenen Rockbarden ausgerechnet den ausgesucht hatte, dessen Mangel an eindeutiger Spiritualität nicht gerade dazu beitrug, Hoffnung zu säen.
Wer das fast siebenhundertseitige Werk Kermanis über die ästhetische Rezeption des Koran gelesen hat, wird im Autor zwar den aufregenden jungen Islamwissenschaftler entdeckt, nicht aber den Grad an Tiefe ausgelotet haben, dessen es bedarf, um mit der Ernsthaftigkeit des Gelehrten bis in die Geröllhalden bedrohter Rockparadiese dringen zu können.
Nicht nur manchem Leser drängt sich an dieser Stelle der Gedanke an die Malamatija, den „Weg des Tadeligen“ auf. Kermani nimmt direkt Bezug darauf und geht dann unvermittelt auf den mystischen Tod ein, der uns erlaubt, bevor wir tatsächlich sterben, das Leben als Ganzes zu erfahren.
Die Musik Neil Youngs bietet allerdings noch eine weitere Metapher. Im Gegensatz zu den Botschaften, die uns von anderen Rockmusikern vermittelt werden, und sei es nur die Botschaft, es geschafft zu haben, sein Geld nicht am Fließband oder in klimatisierten Büros verdienen zu müssen, vermittelt Neil Young lediglich, dass er nichts anderes kann, ihm nichts anderes übrig bleibt, als mit quäkender Stimme: „helpless; helpless, helpless, helpless“ zu singen.
Heißt es nicht im Nachmittagsgebet der Muslime: „Wahrlich, der Mensch ist verloren!“, um dann das tröstende „außer denen, die sich zusammenfinden in der Wahrheit, um Taten der Wahrhaftigkeit zu tun“, folgen zu lassen? Wahrhaftigkeit ist die wahre Botschaft, die sich durch diesen Prosaband eines kaum über Dreißigjährigen zieht. Mir hat das Buch geholfen, hinzuschauen, mit wie wenig Wahrhaftigkeit und Authentizität ich Dinge tue, an Übungen teilnehme, bete.
Man sieht sich als Neil Young, der als Epileptiker, aber auch ansonsten recht geprügelter Hund keine Chance hat, sie aber trotzdem nutzt, und sei es durch die Form, in der er diesen Umstand zum Ausdruck bringt, manchmal schreiend wie ein quäkendes Töchterchen, „helpless; helpless, helpless, helpless!“ und noch im Atem, der ihn schreien lassen würde, die Hilfe erfährt, derer er über alles bedarf.
Freunde, sagt Kermani, habe er sich mit diesem ewigen Abdudeln plärrender Neil-Young-Lieder nicht gemacht, wohl aber ein Buch und sein Töchterchen zufrieden.
Resumé zu beiden Büchern
Kermani, erklärter Bayern-München-Fan, wird möglicherweise der erste hochrangige islamische Gelehrte sein, der uns die Choreografie zweier elfköpfiger Halqas um einen kulthaft aus Penta- und Hexagonen zusammengenähten Lederball erklären wird. Was mich zu einem Fan kanadischer Rockmusik machen könnte, habe ich begriffen. Dass es passieren kann, dass man in seiner Sucht nach Schönheit ausgerechnet auf die letzten Wahrheiten trifft, enthält bereits mehr, als ich mit meinem Verstand zu erfassen bereit bin. Vor allem aber lässt mich der Gedanke nicht mehr los, ob nicht die ganze Welt, einem Buche ähnlich, Gleichnisse bietet für eine große, aber begrenzte Anzahl von Lehrinhalten, die kennenzulernen wir angetreten sind.
Andreas Wald, 2003
Navid Kermani