Endi Effendi

Januar 1, 2008

Auch das geht vorüber

Gespeichert unter: Uncategorized — endieffendi @ 12:16

Während der Zeit, in der Andreas im Krankenhaus war, und auch danach haben mich viele Freunde angesprochen, weil sie mich so tapfer und stark empfanden.

Deshalb möchte ich hier erzählen, welcher Art meine Beziehung zu Andreas war.

Am Morgen unserer ersten Nacht in Spanien sah ich an seinen geröteten Ohrläppchen, dass er einen extrem hohen Blutdruck hatte. Mir war sofort klar, wie ungesund das war und dass die Möglichkeit bestand, dass er mir nicht lange erhalten bleiben würde.
Ich hatte eine unglückliche Ehe hinter mir, in der ich verzweifelt versucht hatte, mir meinen Mann so zurecht zu biegen, wie es für mein Leben angenehm gewesen wäre. Aus der Illusion, dass so etwas überhaupt möglich sei, war ich erwacht und hatte mir fest vorgenommen, den nächsten Mann so zu nehmen, wie er war und nicht ändern zu wollen.
Dieser gute Vorsatz erwies sich als sehr wertvoll, denn schon bald merkte ich, dass Andreas gerade im Bezug auf seine Gesundheit sehr eigensinnig war. Hätte ich versucht, ihn zu einem gesünderen Leben zu überreden, wäre unsere Beziehung schnell den Bach runter gegangen. Nur dadurch, dass ich ihm zeigen konnte, dass ich ihn genau so liebte wie er war, konnte er genug Vertrauen zu mir aufbauen, um dann doch den einen oder anderen (vorsichtig dosierten) Ratschlag von mir annehmen zu können.


Der erste Brief, den Andreas mir schrieb, erhielt als Titelseite eine Zeichnung, die Andreas einmal angefertigt hatte, mit dem Schriftzug „Inam migsare“, zu deutsch „auch das geht vorüber“, was sich auf eine Sufi-Geschichte bezieht.
Darin beauftragt ein König einen Goldschmied, ihm ein Objekt anzufertigen, dass ihn tröstet, wenn er traurig ist, beruhigt, wenn er zornig ist, und ihn wieder zurück in die Realität holt, wenn er zu sehr verzückt ist. Daraufhin fertigte der Goldschmied einen Ring mit der Inschrift „Auch das geht vorüber“. Ich nahm mir diesen Spruch zu Herzen und beschloss, jeden Tag mit Andreas zu genießen, als Geschenk zu betrachten, weil wir ja nicht in die Zukunft sehen können und nie wissen, wie lange unser Glück währt.
Erstaunlicherweise hatten wir beide keine Zeit der Verliebtheit, sondern empfanden von Anfang an eine ganz tiefe Liebe füreinander, wie sie nur in hundert Jahren wachsen kann.
Wenn wir zusammen waren, war das immer sehr intensiv. Doch die meiste Zeit waren wir halt viele hundert Kilometer getrennt. Anfangs schrieben wir uns wundervolle E-Mails. Andreas konnte verborgene Talente in mir erwecken. Mein aktiver Wortschatz vergrößerte sich immens und ich war überrascht, dass auch ich so tiefgreifende Texte zustande brachte. Leider schaffte ich mir nach einigen Monaten eine Telefonflatrate an, sodass unsere literaturverdächtigen E-Mails von stundenlangen Telefongesprächen abgelöst wurden.
So fand ich einen Weg, dass Andreas jeden Tag für mich ganz präsent war, obwohl so weit entfernt.
Er gab mir seine Übersetzungen von Rumi-Gedichten zu lesen, die dieser nach dem Tod seines Freundes Shams von Tabris geschrieben hatte. Das Thema Tod, das in diesen Gedichten sehr hoffnungsspendend beschrieben wird, war also schon ganz früh bei uns präsent. Wir waren uns auch darüber einig, dass der Tag unseres Todes schon längst feststeht und dass keine Macht der Welt ihn ändern kann.
Eine zeitlang tauschten wir uns über unsere Träume aus, die sich so ähnlich waren, dass wir nur darauf warteten, uns eines Nachts in einem gemeinsamen Traum zu begegnen.
Insgesamt hatte ich das Gefühl, in starkem Seelenkontakt mit ihm zu stehen.
Anfang November ging Andreas zum Arzt, um sich Massagen verschreiben zu lassen. Routinemäßig kontrollierte der Arzt seinen Blutdruck und erschrak sehr über den Messwert von 290/140 RR. Er wollte Andreas sofort ins Krankenhaus einweisen, doch dieser war ein gebranntes Kind durch übergriffige Erfahrungen aus seiner Kindheit, als er eine Gehirnentzündung nur knapp überlebte. Auf gar keinen Fall wollte er ins Krankenhaus. Auch blutdrucksenkende Pharmazeutika wollte er nicht nehmen, da er meinte beobachtet zu haben, dass alle seine Freunde, die solche Mittel nahmen (und er hatte nicht wenige), völlig brav und angepasst worden seien. Das erinnerte ihn an das Buch „Schöne neue Welt“ und so wollte er nicht enden.
Etwa eine Woche später rief ich Andreas an und er sagte mir, er wolle jetzt nicht lange mit mir telefonieren, weil er in so einem ungewöhnlichen Bewusstseinszustand sei. Er habe auf dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause angefangen und halte immer noch an. Er nannte ihn Akasha-Zustand. Er könne alle seine Träume, die er je gehabt habe, plötzlich im Zusammenhang erkennen. Es sei ein wunderbares Gefühl. Staunend gratulierte ich ihm dazu und wir verabschiedeten uns, bis er nach einiger Zeit wieder anrief und mir verkündete, er habe diesen Zustand nun bewusst beendet, weil ihm klar geworden sei, dass unsere Aufgabe, in der Welt zu leben, auch umfasse, dass wir nicht in solchen außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen schwelgen sollen, sondern darüber hinaus gehen sollen. Wir einigten uns auch darauf, dass dieses Erlebnis ein Warnzeichen seines hohen Blutdrucks sein könne.
Als ich ihn am 15. November besuchte, war er Feuer und Flamme, seinen Blutdruck homöopathisch zu heilen. Er begann mit mir eine Trennkost-Diät und hatte sogar seinen Tabakkonsum halbiert. Leider betrieb er das aus meiner Sicht alles nicht konsequent genug. Doch ich sagte nichts, da ich mich darüber freute, dass er überhaupt begann, sein Leben zu verändern.
Am 23. November hatten wir vormittags miteinander telefoniert. Völlig anders als sonst brach Andreas dieses Gespräch sehr abrupt ab und verkündete mir, ihm würde jetzt kalt, er wolle in die Badewanne gehen.
Ich erwartete, dass er abends wieder anrufen würde. Das tat er aber nicht und beantwortete auch nicht meinen Spruch auf seinem Anrufbeantworter.
Als er am nächsten Morgen immer noch nicht angerufen hatte, fiel mir ein, dass er für dieses Wochenende zum Familienstellen eingeladen worden war. Wahrscheinlich war es am Abend sehr spät geworden und er musste Samstagmorgen wieder sehr früh raus. ich spürte in mich hinein, ob ich irgendwelche Hilferufe von ihm empfangen würde, aber es schien ihm gut zu gehen.
Als er dann am Abend wieder nicht anrief, schickte ich eine SMS an die Veranstalterin und fragte nach, ob er bei ihr sei. Sie antwortete erst am nächsten Morgen, dass er nicht dabei sei.
Da machte ich mir wirklich Sorgen und rief bei seinem Nachbarn an. Ich erklärte ihm die Situation und bat ihn, die Feuerwehr zu rufen, damit diese die Tür aufbreche.
Der Nachbar rief kurz darauf zurück und berichtete, man habe Andreas bewusstlos neben seinem Bett liegend gefunden, doch auf Schmerzreize reagiere er noch. Jetzt würde er ins Krankenhaus gebracht.
Immer war mir bewusst gewesen, dass so etwas eines Tages geschehen könne. Jetzt war es tatsächlich eingetreten. Ich packte meinen Koffer, drückte meinem Nachbarn den Briefkastenschlüssel in die Hand und ging zum Bahnhof, um nach Berlin zu fahren.
In Spandau wollte ich in eine Regionalbahn zum Zoologischen Garten umsteigen, doch ich erwischte einen Zug nach Wittenberge.
Dabei hatte ich es doch so eilig, zu Andreas zu kommen! Der Schaffner war gnädig mit mir und erließ mir die Schwarzfahrstrafe. Am nächsten Bahnhof stieg ich aus und versuchte, zurück nach Berlin zu kommen. Da es Sonntag war, fuhren nicht so viele Züge. Ich war sehr verzweifelt. Ich hätte am liebsten geweint, aber ich wusste, dass mir das auch nicht weiterhelfen würde.
Schließlich kam ein Zug, der mich wieder nach Spandau fuhr. Dort nahm ich diesmal vorsichtshalber die S-Bahn, weil sie besser ausgeschildert ist.
Endlich kam ich am Krankenhaus an und fragte mich zur Intensivstation der Neurochirurgie durch. Dort fand ich Andreas, fast nackt, an Schläuchen liegend und bewusstlos. Ich verbot mir, in Tränen auszubrechen, weil ich wusste, dass Komapatienten vieles wahrnehmen können und ich ihm auf jeden Fall ein Gefühl der Zuversicht vermitteln wollte.
Ich durfte in den folgenden Tagen immer nur drei Stunden täglich zu ihm. Aber mehr hätte ich wahrscheinlich auch nicht geschafft. Mir war es nämlich sehr wichtig, energievoll zu ihm zu kommen. Wenn ich mich hätte gehen lassen und beklagt hätte, dass er mich so schäbig alleine lässt, hätte es ihm ja Energie abgezogen und das, so wusste ich, konnte er in dieser Situation überhaupt nicht gebrauchen. Ich habe ihm die Geschichte von den vier Derwischen vorgelesen und einmal habe ich ihm auf der Ney (türkische Bambusflöte) vorgespielt, was mir aber im Nachhinein viel Ärger einbrachte. Trotzdem bin ich sicher, dass es gut war.
Die Tage gingen vorüber und die Betäubungsmittel wurden abgesetzt. Jetzt war es eigentlich an der Zeit, dass er wieder aufwachte. Erst danach hätte man sagen können, welche körperlichen Schäden durch den Schlaganfall bleiben würden. Da die Großhirnrinde, also der Ort der Intelligenz, zu keinem Zeitpunkt erhöhtem Druck ausgesetzt war und sich das Sprachzentrum auf der linken, unbeschädigten Seite befindet, war die Hoffnung groß, dass die Fähigkeiten, die Andreas am wichtigsten waren, unbehelligt wären.
Doch er wachte nicht auf. Allerdings hatte er auch sehr mit einer Entzündung im Körper zu kämpfen und seine Nieren funktionierten nicht richtig, weil sie an einen hohen Blutdruck gewöhnt waren und jener künstlich abgesenkt worden war, um den Hirndruck zu mindern.
So schlimm die Situation auch war, ich war für jeden Tag dankbar, den ich mit Andreas verbringen konnte. Für die schönen vergangenen Tage und auch für die schweren im Krankenhaus. Wäre er seinem Schlaganfall schon in der Wohnung erlegen, hätte ich keine Zeit gehabt mich zu verabschieden und es wäre sehr schlimm gewesen. So wusste ich, es kann so oder so ausgehen, aber ich genieße die Zeit, die ich mit ihm habe.
So langsam wurden die Blutwerte besser und am Montag, dem 10.12. brauchte auch keine Dialyse angestellt werden, sodass ich einen sehr entspannten Nachmittag mit Andreas verbringen konnte. Ich kam auf die Idee, ihn zu unterstützen einen niedrigen Hirndruck anzustreben, indem ich jedes Mal, wenn die Geräte einen Hirndruck unter 19 anzeigten, in den Arm nahm und mit ihm kuschelte und wenn der Hirndruck über 25 ging, entfernte ich mich und hielt nur noch meine Hand auf seinem Oberarm.
Mit der Zeit wurden tatsächlich die Phasen niedrigen Hirndrucks immer länger. Gleichzeitig entstand eine wunderbare Harmonie zwischen uns beiden. Ich war richtig beglückt, als ich das Krankenhaus verließ.
Am nächsten Tag war irgendetwas anders. Äußerlich erkennbar war es daran, dass Andreas leise schnarchte.
Kurz nachdem ich zu Besuch gekommen war, wurde die blaue Dialysemaschine wieder neben Andreas Bett geschoben und sein Hirndruck ging schlagartig 10 Punkte rauf. Ich merkte, dass er sich am liebsten mit Händen und Füßen gegen die Dialyse gewehrt hätte, aber er konnte sich nicht bewegen.
Dann kam der Arzt und bat mich zum Gespräch in einen kleinen Nebenraum. Er erklärte mir, dass am Morgen weitere Untersuchungen gemacht worden wären und dabei hätte man eine neue Blutung festgestellt. Die gesamte rechte Großhirnrinde würde nicht mehr durchblutet. Dann hätte man Nervenreizungen an den Armen durchgeführt und festgestellt, dass diese nicht mehr zum Gehirn geleitet würden, weder rechts noch links.
Sollte Andreas jemals wieder aufwachen, würde er sein Leben lang im Wachkoma bleiben. Der Arzt schlug vor, die „Therapie einzustellen und der Natur ihren Lauf zu überlassen“.
Da Andreas in seiner Patientenverfügung angegeben hatte, dass er nicht künstlich am Leben gehalten möchte, war es für mich leicht, dem zuzustimmen. Irgendwie wurde mir bewusst, dass die Harmonie, die ich am Vortag verspürt hatte, unser Abschied gewesen war und dass er danach die Kraft gefunden hatte, sich aus seiner ungewissen Situation zu lösen. Er hatte sich entschlossen zu gehen.
Der Arzt schlug vor, den Verwandten und Freunden die Möglichkeit zu geben sich zu verabschieden und am nächsten Tag am Mittag die Geräte abzuschalten. Er hatte nicht damit gerechnet, dass so viele Freunde kommen würden.
Wir feierten an Andreas Bett einen würdigen Abschied. Es gab frisch gebackene Plätzchen und wir bedauerten, dass keiner daran gedacht hatte, einen Rotwein mitzubringen. Da Andreas (nach dem zweiten Schlaganfall!) so stark auf die Präsenz der Dialysemaschine reagiert hatte, wusste ich, dass er alles mitbekommt. Ich war sehr gerührt, dass so viele kamen, weil er vor dem Anfall sich so enttäuscht geäußert hatte, dass er im Freundeskreis eher geduldet als geliebt wird. Jetzt konnte ihm jeder noch einmal zeigen, wie sehr er ihn schätzt.
Die letzten verließen um 1 Uhr nachts die Party. Ich hatte beschlossen, die Nacht an seiner Seite zu verbringen und mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er bald nicht mehr da sein würde. Ich wusste, ich muss die Zeit ganz bewusst durchleben, um sie emotional durchstehen zu können.
Viele schöne Ereignisse fielen mir ein, die wir miteinander erlebt hatten, und ich erzählte sie ihm alle.
Am nächsten Morgen kamen wieder Freunde und bis 12 Uhr hatten sich die versammelt, die ihm beim Abstellen der Geräte zur Seite stehen wollten. Da es sich um 20 Leute handelte, wurde uns der Aufenthaltsraum der Ärzte zur Verfügung gestellt. Nur jeweils fünf durften gleichzeitig am Bett stehen.
Als wir das Startzeichen gaben, wurden die letzten Medikamente abgesetzt, die bis dahin den Kreislauf hatten stabilisieren sollen, und die Beatmung auf normale Raumluft umgestellt. Allerdings wurde der Tubus für die Beatmungsmaschine im Hals gelassen. Die Hirndrainage war schon vorher entfernt worden.
Zunächst sackte der Kreislauf sehr ab. Später stabilisierte er sich wieder. Stunden vergingen. Nach und nach verließen die Freunde den Ort, bis wir nur noch zu dritt waren.
Am späten Nachmittag wurde Andreas langsam schwächer. Wir erlebten, dass sich seine Atemfrequenz sehr erhöhte, als habe er einen Kampf auszustehen. Dann wurde er wieder ruhiger, als habe er es geschafft.
Wir fragten den Arzt, ob es nicht einfacher für Andreas wäre, wenn das Atemgerät ganz entfernt würde. Nachdem die Besuchszeit vorüber war und keine anderen Besucher belästigt wurden, stimmte der Arzt zu. Wir mussten den Raum verlassen, während der Schlauch entfernt und Andreas auf die Seite gelagert wurde.
Als wir wieder rein durften, entschuldigte sich der Pfleger für das Röcheln, das nicht vermeidbar sei. Andreas hatte das erste Mal die Augen geöffnet. Aber es war ein stumpfer Blick, ohne jegliches Erkennen.
Das so genannte Röcheln war gar nicht schlimm, wie bei einer Bronchitis.
Der Raum war schön abgedunkelt und es war eine feierliche Stimmung. Wir sangen leise „Amazing Grace“, die ganze Zeit.
Erst war Andreas Atem beschleunigt, dann wurde er immer langsamer. Irgendwann öffnete sich sein Mund ganz entspannt. Ein letztes Luftholen und es war vorüber.

Früher habe ich immer Angst davor gehabt, dass jemand in meiner Anwesenheit sterben könnte. Das ging so weit, dass ich während der Studienzeit nachts aufwachte und darauf lauschte, ob mein damaliger Freund denn noch atmete. Erst, wenn ich mich davon überzeugt hatte, konnte ich wieder einschlafen.
Jetzt weiß ich, dass Sterben gar nicht so einfach ist. Und, dass es gar nicht so schlimm ist. Ich habe es als einen sehr feierlichen Augenblick erfahren. Das Erlebnis hat mir auch die Angst vor meinem eigenen Tod genommen.
Und ich habe mal wieder gelernt, wie wichtig es ist, jeden Tag zu genießen, der uns gegeben ist. Denn jeder Tag kann der letzte sein.

Gabriele Ermen, 31.12.2007

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