Endi Effendi

Januar 7, 2008

Es so genau nicht wissen zu wollen

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Fragment eines Buch, in dem Andreas seine Begegnungen mit fünf alten Männern schildern wollte (um 2002):

0. Eine Vorgeschichte
Im Februar 1982 ging ich in meine Lieblingsbuchhandlung am Savignyplatz in Berlin. Ich fing einen Fetzen eines Telefongesprächs der Buchhändlerin mit ihrem Sohn auf: „Du kannst nicht den ganzen Tag nur fernsehen und wenn Deine Mutter von Dir will, dass Du Herrn Scholem den Füller bringst, dann tust Du das einfach.“ Was der mütterliche Versuch der Rückeroberung erwachsener Autorität war, enthielt ein Satzfragment, das mich traf, als hätte mein Schicksal nur zu mir allein gesprochen. Ich fragte „Gershom Scholem?“, und bot mich freundlicherweise an, dem irreversiblen Generationenkonflikt ein Ende zu machen, indem ich anbot, mir die Adresse Herrn Scholems zu geben, um ihm den Füller zu übergeben, den Füller, mit dem er einige seiner Bücher geschrieben hatte.

Bei und zu Hause dominierten zwei zeitgenössische jüdische Philosophen die Gespräche meines Vaters. Das war Martin Buber, der die Kunst verstand, sich allen verständlich machen zu können, wie ein Lehrer und Gershom Scholem, den zu verstehen uns der Allmächtige mit einem gesegneten Verstand versehen haben sollte, denn Scholem war ein Gelehrter.
Als sich die Suite 212 im Kempinski öffnete, stand vor mir ein Männlein, das mich despektierlicherweise an E.T. erinnerte. Er hatte das Alter, in dem selbst die engeren Hemdkragen den Hals nicht mehr berühren und Ohren, Nase und Augen zusehend zu wachsen scheinen. Äußerst höflich fragte er, was er für mich tun könne, bevor ich mich als Leser offenbarte, der einen Vorwand gefunden hatte, seinen Autor zu treffen. Ein Gespräch über beider Lebensgeschichte entspann sich, (seine 92-jährige, meine 29-jährige) und das in seiner Schilderung des Grundes seines Deutschlandbesuchs endete. Er war in den 20er Jahren nach Palästina gegangen, als er so alt war wie ich damals und wollte, bevor er starb, noch einmal Berliner Luft geschnuppert haben. Da Scholem so etwas wie ein Gerechter für meinen Vater war, bat ich ihn, in solch einem Fall nicht unüblich, meinem Vater ein paar Zeilen mitzugeben, was er sofort ohne Umschweife tat. Dies ermutigte mich, der das Unpathetische in den Schilderungen dieses Ebenbildes jüdischen Gelehrtentums bewunderte, eine einfache Frage zu stellen: „Was, Herr Scholem, ist das größte Verbrechen unserer Zeit?“ Des Zadicks Augen blitzten kurz auf, und er antwortete ohne eine Sekunde nachzudenken: „Es nicht so genau wissen zu wollen!“, und ergänzte erklärend: „Und keine Scham dabei zu finden, dies offen zuzugeben.“ Dies ist nun 20 Jahre her und ich beginne langsam zu verstehen.

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